C-jugend-hessenfinale: wenn 14-jährige vor 1.500 fans in den hexenkessel rennen

Am Samstag um 18 Uhr verwandelt sich die Sporthalle in Rodgau-Nieder-Roden in ein Fass voller Powder. 14-Jährige laufen ein, 1.500 Zuschauer kreischen, Trommeln wummern gegen die Decke – und kein einzige:r darf legal Alkohol kaufen. Dabei geht es um nichts weniger als die C-Jugend-Hessenmeisterschaft, diesmal zwischen den Mittelhessen Youngsters und dem TV Großwallstadt.

„Wir erwarten eine lautstarke Auswärtsfahrt, die die Halle zum Kochen bringt“, sagt Fabian Kraft, 33, Trainer der Mittelhessen, selbst 86 Mal für die HSG Wetzlar in der Bundesball gelegt. Gemeint sind Busse voller Eltern, Geschwister, Omas, die mit Fahnen, Trikots und selbst gebastelten Trommeln anreisen. Die Fahrtstrecke: 30 Kilometer für Großwallstadt, 90 für Mittelhessen. Kleiner Vorteil für Franken, logistischer Nervfaktor für die Gäste.

Druck auf schultern, die noch hausaufgaben haben

Kraft ist Oberstufenlehrer für Philosophie und Sport – und weiß, wie schnell Pubertierende unter Hitze kollabieren. „Manche Jungs stehen kurz vor der Klausurphase, andere haben gerade ihre erste Freundin verloren. Dann kommen 1.500 Leute und schreien ihren Namen. Das kann kippen“, sagt er. Deshalb hat er auf neue Spielzüge verzichtet, stattdessen auf altbewährte Handzeichen gesetzt. „In dem Lärm kannst du keine Taktik brüllen. Die Jungs müssen wissen: Ein Blick, ein Fingerzeig – und sie wissen, was Sache ist.“

Die Statistik spricht für eine Nervenschlacht: Beide Teams gewannen ihre Vorrunde souverän, beide schossen im Schnitt über 32 Tore pro Spiel. Die Torhüter beider Mannschaften – Luca Kaiser (Mittelhessen) und Ben Hölzlein (Großwallstadt) – halten jeweils 38 Prozent der Würfe. Eine Paradeduelle auf Augenhöhe, bei dem Kleinigkeiten entscheiden: ein abgefälschter Ball, ein Kreislauf-Foul, ein Siebenmeter nach der Schlusssirene.

Was passiert, wenn 2011er mit profi-atmosphäre kollidieren

Was passiert, wenn 2011er mit profi-atmosphäre kollidieren

Für die Jahrgänge 2011 ist das Finale ein Vorgeschmack auf mögliche Bundesliga-Karrieren. Drei Akteure der Youngsters absolvierten bereits Talent-Tests des DHB, zwei Großwallstädter stehen beim FC Bayern Jugend auf dem Zettel. „Wer hier trifft, landet auf den Radar-Listen der Clubs“, sagt ein Scout, der ungenannt bleiben will. Die Spannung steigt: Wer versagt, verschwindet; wer glänzt, bekommt morgen eine E-Mail mit dem Betreff „Stipendium“.

Der Ort Rodgau hat Erfahrung mit Großevents, zuletzt empfing er die Hessen-Turniere der weiblichen A-Jugend. Doch C-Junioren mit diesem Ruf – das ist neu. Die Stadt stockte ihr Sicherheitskonzept auf, ordnete Extra-Eingänge für Fanbusse an und installierte ein „Eltern-Sektor-Konzept“: Gegenseite getrennt, damit es nicht zur Eskalation kommt. Denn 14-Jährige können sich auch mal an den Schultern packen, wenn der Gegentreffer fällt.

Sieg oder niederlage – die party steht schon

Sieg oder niederlage – die party steht schon

Unabhängig vom Ergebnis hat Kraft ein Restaurant in Nieder-Roden reserviert. 120 Plätze, Pizza, Pasta, Softdrinks – und für die Eltern ein kühles Fritz-Kola. „Die Saison war 28 Spiele lang, sie haben sich das Erlebnis verdient“, sagt er. Trotzdem: Gewinnen die Mittelhessen, gibt es zusätzlich einen Pokal-Umzug durch die Innenstadt von Wetzlar – mit Polizeieskorte, weil 2011er eben doch noch ein bisschen Kind sind.

Für die Handball-Welt ist das Finale ein Indikator: Wenn schon die C-Jugend solche Wellen schlägt, wie wird erst die künftige Bundesliga aussehen? Die Antwort kommt Samstagabend, wenn die Halle dampft, die Trommeln verstummen und ein paar Teenager vor lauter Adrenalin weinen – vor Freude oder Frust. Eines ist klar: Danach sind sie nicht mehr dieselben.