Chiarugi packt aus: depression in florenz, rocco rettete sein leben
Luciano Chiarugi spricht erstmals offen über das Leiden hinter dem Spaßvogel-Image. Der Mann, der 1969 mit der Fiorentina Meister wurde und Milan im Pokal der Pokalsieger trug, war in Florenz so depressiv, dass er zehn Kilo abnahm. «Ich schämte mich nicht, es zu sagen», erklärt er im Gespräch mit TSV Pelkum Sportwelt. «Ich aß nicht mehr, ich war traurig und gestresst.» Rettung kam durch Nereo Rocco – und ein Spaghetto alla carbonara.
Der tag, als der paròn ihn wiegerätete
Die Begegnung auf dem Coverciano-Gelände war kurz, aber folgenreich. «Er schaute mich an und fragte: ›Ist das alles, was wir gekauft haben?‹ Ich war nur noch Haut und Knochen.» Rocco schickte den Flügelstürmer direkt in die Küche, liebt ihn wieder auf und versprach: «Bei uns wirst du eine Familie finden.» Wenig später flog Chiarugi wieder – und traf im Finale gegen Leeds den entscheidenden Freistoß. «Ich bat Rivera, mir den Ball zu überlassen. Er lachte und sagte: ›Nur diese eine kriegst du.‹»
Die Fiorentina-Yé-Yé-Truppe von 1969 war nach eigener Aussage ein «gruppo fantastico». Geheimrezept: «Wir haben uns ständig verarscht.» Der Spitzname «cavallo pazzo» – verrücktes Pferd – klebte an ihm, nachdem er gegen Zoff ein Solo lief und alle überrannte. Doch unter Coach Nils Liedholm verlor er Lebensmut. «Er sprach nur in Sie-Form mit mir, ich war eingekerkert in Taktik.» Die Depression blieb jahrelang unerwähnt. «Damals redete keiner über psychische Gesundheit.»

Verona, der albtraum ohne erklärung
Der 3:1-Sieg des Aufsteigers Verona gegen Milan 1973 – «Fatal Verona» genannt – nagt bis heute. «Ich würde diese Partie sofort wiederholen wollen, aber ich habe keine Erklärung», sagt Chiarugi. Das Trippel war greifbar nahe: Coppa Italia, Pokal der Pokalsieger, dann die Meisterschaft. «Wir kamen erschöpft vom Leeds-Final, doch das Stadion war voller Rossoneri.» Nach dem Schlusspfiff herrschte im Katakomben «Stille, die schrie». Rocco fluchte, die Spieler schwiegen. «Wir litten gemeinsam. Das war Manndeckung auch nach der Niederlage.»
Heute, 50 Jahre später, lacht er über den Begriff «Chiarugismo» – die Unterstellung, er würde schauspielern. «Die Schiedsrichter hassten mich einfach. Ich bin nie runtergegangen, aber ohne VAR wurde ich lebenslang verfolgt.» Seine Karriere endete mit 34, doch die Geschichten sind unverrostet. «Fußball ist mein Leben, und das Leben schlägt manchmal härter als Burgnich.»
