Chemie leipzig rettet sich mit 2:2 – aber der punkt nützt kaum
Kay Seidemann traf in der Nachspielzeit per Flanke, die niemand so richtig wollte, und trotzdem jubelte das Alfred-Kunze-Sportfeld, als hätte der Aufstieg geschmeckt. Die Wahrheit: Mit dem 2:2 gegen den BFC Preussen bleibt die BSG Chemie Leipzig Tabellen-Vorletzter, nur einen Punkt vor dem ersten Abstiegsplatz. Der Punkt rettet Stolz, nicht die Klasse.
Die erste hälfte war ein lehrstück darüber, wie man sich selbst abschaltet
Alexander Schmidt rotierte auf vier Positionen, verzichtete auf Seidemann, Hoops und Co., und seine Elf spielte, als hätte sie sich gerade kennengelernt. Kein Pass kam an, kein Zweikampf wurde eingestellt, die Preussen bekamen jeden zweiten Ball. Die Gäste brauchten 43 Minuten, um ihr erstes Tor zu erzielen – Philip Fontein schlenzte aus 15 Metern, Marcel Bergmann flog vergeblich –, doch die Führung war längst verdient. Kurz vor der Pause köpfte Kühn nach einem Einwurf zum 0:1 ein. Chemie? Keine Antwort, keine Idee, kein Schuss aufs Tor.
Die zweite Hälfte begann mit drei Wechseln und plötzlich Tempo. Rajk Lisinki, 54. Minute, Kopfball, 1:1. Das Stadion erwachte, die Mannschaft auch. Leipzig drückte, Berlin wirkte einen Moment verunsichert. Doch die Preussen sind in dieser Saison dafür bekannt, nicht zwei Mal zu brennen. In der 74. Minute nutzten sie eine Standardsituation, Flachschuss, 1:2. Die Leipziger schienen erneut zu kippen.

Seidemanns flanke wird zum symbol für eine saison voller zufallstreffer
Einwechslung in der 81. Minute, erste Ballberührung in der 90.+2: Seidemann will flanken, der Ball segelt zu lang, Berlin-Keeper Karl Albers kommt raus, rutscht ab – 2:2. Jubel wie im Pokal, doch die Tabelle lügt nicht. Chemie hat jetzt 21 Punkte, Eilenburg vorbeigezogen, und die restlichen sieben Spiele sind keine Feierwochen, sondern Endspiele gegen Abstiegskonkurrenten.
Trainer Schmidt sprach von „Charakter“ und „Never-give-up-Mentalität“. Die Fans sangen trotzdem nur eine Halbzeit lang. Die andere war Stille, geprägt von der Erkenntnis, dass ein spätes 2:2 gegen den Tabellenachten kein Befreiungsschlag ist, sondern ein Alarmschlag. Die Saison ist keine Metapher mehr, sie ist ein Kampf ums reine Überleben – und die Uhr tickt lauter als je zuvor.
