Cannone weint vor dem spiel, zertrümmert danach die engländer
Niccolò Cannone stand da, 1,95 m, 118 Kilo, und die Tränen liefen. Keine Kamera des Stade de France konnte ihn auslassen, während 70.000 Italiener die erste Strophe des Mameli brüllten. 60 Sekunden später verwandelte sich der Lock in eine rammbock-artige Kriegsmaschine, die Englands Maul in zwei Hälften riss. Italien gewinnt 23:18, die erste Heimsensation seit 2013 – und der Mann, der vorher weinte, ist danach derjenige, der lacht.
Warum cannone heult, bevor er jemanden umhaut
Die Szene ist kein Novum. Schon in Rom, Dublin und Edinburgh flossen Tränen. „Es ist mein Ventil“, sagt der 25-Jährige, „danach bin ich leer und voll.“ Der Coach, der ihn als Jugendlicher zu Tränenritualen inspirierte, heißt Paolo ‚Ciafo‘ Ghelardi. Der schoss vor jedem Derby von Firenze Tränen wie ein offenes Hydrantenventil – und seine Kids gewannen. Cannone hat das Erbe übernommen.
Doch dahinter steckt mehr als Show. Cannone ist Vize-Kapitän, seit Januar Träger der Nummer 5 und damit verantwortlich für die emotionale Schaltzentrale der Squadra. Im Spielplan steht: „Emotion kontrollieren, nicht unterdrücken.“ Seine Methode: kurz weinen, dann jemanden weinen lassen.

Vom torwartdynastie-abkömmling zur second-row-kanone
Die Familie Palma-Cannone hütete Generationen lang Fußballtore. Großvater, Onkel, Vater – alles Keeper. Niccolò absolvierte neun Jahre auf dem Rasen von Lastra a Signa, bis ihn ein Schulsportprojekt in die Rugby-Abteilung der Polisportiva Firenze schleuderte. Mit 15 Jahren, 110 Kilo und einer Schnellkraft, die selbst die P.E.-Lehrer erschaudern ließ, war klar: aus dem Tor kommt er nie mehr raus, rein dafür in den Scrum.
Bruder Lorenzo folgte, weil Niccolò ihn mitnahm. Heute bilden die Brüder das wohl gefährlichste Second-Row-Gespann des Sei Nazioni. Lorenzo ist der Stilvolle, Niccolò der Stahlschlag. Die Statistik: 13 gemeinsame Einsätze, 8 Turn-over, 78 absolvierte Tackles, nur 3 verloren. Firenze nennt sie „Gli Anelli“ – die Ringe, die niemand sprengt.

Der tag, als südafrika seinen neuen liebling fand
Im Juli 2025 fährt Italien mit sieben Debütanten nach Kapstadt. Cannone führt die Mannschaft auf Newlands hinaus – und wird von der Cape Times zum „Man of the Tour“ gekürt. 22 Tackles, 5 Line-out-Klauen, 0 Fehlentscheidungen. Südafrikanische Kommentatoren sprechen von „Grootte Nic“ und vergleichen seine Präsenz mit Bakkies Botha in dessen besten Tagen. Die Buren gewinnen knapp, doch die Bühne gehört dem Lock von Benetton.
Zurück im Hotel erklärt er: „Wir sind nicht mehr die ewigen Verlierer. Wir sind die, die die anderen hassen, weil sie plötzlich Angst vor uns haben.“ Seine Zahlen seit dem Debüt 2020: 31 Länderspiele, 26 als Starter, 4 Versuche, 1 gelbe Karte – für einen absichtlichen Knock-on gegen Wales, weil er „die eigene 22 nicht mehr sehen wollte“.

Was cannone außerhalb des feldes trägt
Wer denkt, er sei nur Muskelpaket, irrt. Cannone tanzt Salsa in einem Florenzer Club namens Noches Cubanas, boxt leichtes Gewicht und pflanzt Tomaten auf dem Balkon seiner Wohnung in Treviso. Das Tattoo an der linken Wade zitiert ‚Il Ciclone‘: „La vita è come una bicicletta: se smetti di pedalare, cadi.“ 2023 ernannte ihn die Stadtverwaltung Firenzes zum Magnifico Messere, eine Auszeichnung, die sonst nur Dante und Roberto Benigni zuteil wurde.
Und die Tränen? Die bleiben. Gegen Schottland in zwei Wochen wird er wieder weinen, bevor er loslegt. Dann will Italien den zweiten Sieg in Folge. Cannone sagt: „Wenn wir das schaffen, weine ich danach noch einmal – weil ich endlich aufhören kann zu weinen.“
