Bissig zerlegt das feld: 0,92 sekunden vorsprung vor st. moritz
Val d’Isère – und alle reden nur noch über Semyel bissig. Der 23-jährige Urner fegte mit einer Startnummer wie aus dem Bilderbuch durch die Stangen, ließ Thomas Lorenzo Bini im Zielhang stehen und schickte der Konkurrenz eine Botschaft, die lauter knallt als jedes Startsignal: Ich bin bereit für St. Moritz.
0,92 Sekunden – das ist keine Lücke, das ist ein Graben. In einer Sportart, in der schon ein Zehntel über Euphorie oder Depression entscheidet, versetzte bissig dem Rest des Feldes einen K.o., bevor die Schweizer Meisterschaften überhaupt losgehen. Der Lauf war so sauber, dass selbst die Franzosen am Bande kurz ihren Jubel unterdrückten, um nicht zu stören.
Die schweizer armada zieht nach
Hinter dem Solo feierte das Eidgenössische Trio nach. Lenz Hächler nagelte sich mit Startnummer 15 auf Rang zwei – um eine Hundertstel verpasst, aber mit dem Selbstbewusstsein eines Mannes, der weiß, dass er in St. Moritz noch einen Gang hochschalten kann. Giuliano Fux folgte als Fünfter, nur zwei Zehntel hinter dem Podest. Drei Schweizer in den Top Five – das gab es zuletzt 2019 in Adelboden.
Die Uhr stoppte bei 2:05,72 Minuten für bissig. Klingt nach Mittelmaß, ist aber ein Statement. Die Piste war rau, die Lichtverhältnisse wechselhaft, und trotzdem fand der Schweizer die perfekte Linie zwischen Risiko und Kontrolle. „Ich habe mir gesagt: Jetzt oder nie“, sagte er später mit verschneiten Haaren und einem Grinsen, das kein Interviewer mehr löschen konnte.

St. moritz droht ein schweizer fest
Die Nationalmeisterschaften auf der Engiadiner Naturbahn gelten als offenes Geheimnis: Wer hier gewinnt, bucht sich selbst ein Ticket in die Weltcup-Startliste. bissig hat die Karte bereits längst in der Tasche, aber er will mehr. „Ich will das Rennen dominieren, nicht nur gewinnen“, sagte er und schob die Skistöcke in den Schnee, als wäre das Ziel schon jetzt nur noch Formsache.
Für die Konkurrenz wird es eng. Die Italiener um Bini müssen ihre Kanten schärfen, die Österreicher suchen nach Antworten, und die Franzosen? Die schielen bereits auf die nächste Heim-WM, weil sie in Val d’Isère gelernt haben, was eine Schweizer Lawine bedeutet. Die Uhr tickt – und sie tickt Schweizerisch.
Am Sonntag steigt in St. Moritz der Slalom. bissig hat angekündigt, auch dort mitzufahren. Dann könnte die Spur, die er in Val d’Isère gezogen hat, zu einem Kreuz werden – für alle, die ihm folgen wollen.
