Bettiol rast solo ins ziel: italiens jubel am lago maggiore
Verbania – 17 Sekunden. So viel Vorsprung brauchte Alberto Bettiol, um sich am Freitag die 13. Giro-Etappe zu sichern. Der 31-Jährige spähte aus einer 25-Mann-Flucht, attackierte auf der letzten Rampe nach Cannobio und preschte allein ans Ufer des Lago Maggiore. Keiner kam mehr ran.
Die flucht, die sich rechnete
189 km zwischen Alessandria und Verbania, drei Anstiege der dritten Kategorie, permanent welliges Terrain – ideale Voraussetzungen für Mutige. Schon nach 30 km riss die Gruppe auseinander, 25 Fahrer glitten davon, darunter mit Bettiol und Ben Healy zwei absolute Power-Time-Trialisten. Im Rücken zögerten die Klassementteams, Rosa-Träger Afonso Eulálio ließ sich von seinem Bahrain-Kollegium nach vorne schieben und hielt die Fugen zusammen. Der Vorsprung schwoll auf 3:30 an, schrumpfte dann aber nie unter zwei Minuten – das Rennen war gelaufen, nur die Frage nach dem Sieger blieb offen.
Bettiol antwortete 14 km vor dem Ziel. Er schaltete auf dem linken Seitenstreifen einen Zahn höher, zog aus 50 Metern Entfernung und öffnete sofort eine Lücke. Healy stemmte sich noch in die Verfolgung, verhagelte sich aber in der Serpentine, als er einmal zu viel in den kleinen Blatt griff. Hinten begann das Katz-und-Maus-Spiel: Wer jagt, verpulvert die letzten Körner – und riskiert, morgen im Hochgebirge leer zu sein.
Die Zielgerade in Verbania war ein einziges schwarz-grünes Fest. Bettiol stemmte die Arme hoch, klatschte sich zweimal aufs Herz und ließ das Rad nach rechts kippen – ein Bild, das italienische Zeitungen schon am späten Abend auf die Titelseiten druckten. „Ich wollte dieser Giro ein Gesicht geben“, sagte er, kaum dass er abgestiegen war. „Heute war ich das Gesicht.“

Rosa bleibt portugiesisch
Während sich die Trostrunde für die Verfolger zog, rollte Eulálio gemächlich über die Linie. Der 24-jährige Portugiese büßte keine Sekunde ein und führt weiter mit 1:42 Minuten Vorsprung auf Primož Roglič. Die ersten Angriffsversuche kamen zwar, doch niemand wollte sich im Wind zerreißen – alle wissen, was morgen droht.
Denn der Samstag schraubt das Rennen in die Alpen: 183 km, drei Anstiege der ersten Kategorie, Finish auf 1.815 m Höhe in Crans-Montana. Wer heute zuvor verbrannte, kassiert dort möglicherweise Minuten. Deshalb schwiegen auch die Funksprüche der Direktoren, als Bettiol wegfuhr. „Risiko vertretbar“, lautete die interne Einschätzung bei UAE und Visma. Sie sparen ihre Pulver für die höhere Schule.
Für Bettiol war es der zweite Giro-Sieg nach 2021 – und ein Befreiungsschlag nach monatelanger Leere. Er hatte sich im Frühjahr mit Rückenproblemen herumgequält, verpasste die Ardennen-Klassiker und startete als ungeliebter Zugpferd in diesen Giro. Jetzt steht er mit erhobenem Kopf da, 14. in der Gesamtwertung, aber mit dem wertvollsten Stück Pappe im Gepäck: einem Etappenstempel, der ihn wieder auf die Liste der gefährlichen Außenseiter setzt.
Die Daunenjacke, die er beim Siegerinterview trug, trug die Aufschrift „Lago Maggiore stays wild“. Wild war es tatsächlich – und wird noch wilder. Die ersten echten Berge warten, der Giro bekommt sein Gesicht. Wer danach noch Rosa trägt, darf sich an die Tür des Gesamtsiegs klopfen.
