Bernabéu-epos: machtkampf, wahlkampf und die presse als sündenbock

Florentino Pérez hat in einer Rede vor den Mitgliedern des Real Madrid eine ungewöhnliche Strategie gewählt: Er präsentierte die Presse als Feindbild, während er gleichzeitig die Notwendigkeit einer tiefgreifenden Umstrukturierung des Vereins betonte. Eine Taktik, die an längst vergangene Zeiten im spanischen Fußball erinnert und im Kern eine bevorstehende Wahlkampagne offenbart.

Die baronesse und der präsident: ein spiegelbild

Die Parallelen zu einer Anekdote über die Baronesse de Staël und Napoleon Bonaparte sind frappierend. Wie sie einst feststellte, sei ein Mensch, der das tue, was Napoleon getan habe, nicht dumm – so scheint auch Florentino Pérez die Kritik an seiner Führung als Zeichen von Stärke zu interpretieren. Die gezielte Diffamierung der Presse dient dabei als Ablenkungsmanöver von den eigentlichen Problemen.

Die Rede selbst folgte einem bekannten Muster: Die Benennung von äußeren Feinden, die Forderung nach Geschlossenheit und die Verteidigung der Vereinsfarben – eine Strategie, die an die Belagerung einer Festung erinnert. Wer sich dieser vermeintlichen Verteidigung nicht anschließt, wird zum Außenseiter erklärt.

Doch der Kern der Botschaft ist brisant: Es gibt keine wirklichen Gründe für die aktuelle Krise. Zwar wurden in den letzten Jahren keine Titel gewonnen, aber im Fußball ist Niederlage ein unvermeidlicher Bestandteil des Spiels. Stattdessen wird die Presse zum Sündenbock erklärt – ein Gegner von geringem Wert, dessen Bedeutung dennoch überproportional dargestellt wird.

Es ist eine zynische Rechnung: Nicht alle Journalisten sind schlecht, nur diejenigen, die nicht die eigene Linie unterstützen. Eine Praxis, die im Real Madrid, wie in vielen anderen Vereinen, an der Tagesordnung ist. Aber die Inszenierung des Konflikts mit den Medien wirkt übertrieben und dient vor allem einem Zweck.

Diese Rhetorik ist kein neues Phänomen. Sie wurzelt tief in der Geschichte des spanischen Fußballs, erinnert an die Zeiten von Núñez oder dem berühmt-berüchtigten Dr. Cabeza. Es ist ein folkloristisches Schauspiel, das sich immer wiederholt – und das zunehmend an eine Farce grenzt.

Die wahlkampfkampagne hinter der fassade

Die wahlkampfkampagne hinter der fassade

Der eigentliche Grund für diese Kampagne liegt in den bevorstehenden Wahlen und der Frage der Eigentumsverhältnisse. Pérez plant, jedem Mitglied eine Aktie zu geben und eine begrenzte externe Beteiligung zuzulassen – ein Schritt, der möglicherweise eine Privatisierung des Vereins bedeuten könnte. Für die Zustimmung zu diesem Plan ist eine massive Propaganda-Offensive unerlässlich.

Die Notwendigkeit eines Mindestkapitals von 187 Millionen Euro und die Einhaltung bestimmter „Madridismo“-Kriterien sind dabei nur Formalitäten. Es mehren sich jedoch die Hinweise darauf, dass Personen, die diese Kriterien erfüllen, bereits in den Startlöchern stehen.

Die Rede von Pérez ist daher nicht als panische Reaktion zu werten, sondern als eine sorgfältig kalkulierte Strategie, die auf die Wähler zugeschnitten ist. Es ist eine gezielte Ansprache derjenigen, die bei der bevorstehenden Abstimmung ihr Mitspracherecht haben.

Ob das Projekt tatsächlich erfolgreich sein wird und die Kontrolle über den Verein in den gewünschten Händen verbleibt, bleibt abzuwarten. Aber eines ist klar: Die gezielte Kampagne gegen die Presse ist ein deutliches Zeichen dafür, dass die Machtverhältnisse im Bernabéu auf eine Zerreißprobe gestellt werden.

Die sportlichen Misserfolge – zwei Jahre ohne Titel, die Probleme bei der Nutzung des neuen Stadions und das Scheitern der Super League – sind dabei nur Nebensächlichkeiten. Denn für Pérez ist der Real Madrid mehr als nur ein Fußballverein: Er ist eine Marke, die es zu verteidigen gilt. Und in seiner Welt ist jeder Misserfolg, der nicht durch eine externe Verschwörung erklärt werden kann, ein persönliches Versagen.

Die Erinnerung an Mourinho, dessen Erfolge oft durch die Inszenierung von Verschwörungen gerechtfertigt wurden, ist im Umfeld des Real Madrid noch lebendig. Diese Taktik wird nun offenbar wieder aufgegriffen – mit dem Ziel, die Nervosität angesichts der sportlichen Ergebnisse in eine Strategie der Machtübernahme umzuwandeln. Es bleibt abzuwarten, ob diese Strategie aufgeht. Die Uhr tickt.