Berlin sagt der wm die große party ab – kein public viewing am brandenburger tor
Keine Megaleinwand, keine Tausende in DFB-Trikots, kein „Sommermärchen“-Feeling: Berlin verzichtet bei der WM 2026 auf die Fanmeile am Brandenburger Tor. Die Hauptstadt macht dort weiter, wo sie 2022 aufgehört hat – mit nüchterner Abstinenz storschaliger Public-Viewing-Events.
Ein antrag, der nie kam
Die Kehrtwende ist rasant. Noch Anfang Mai kündigte das offizielle Portal berlin.de euphorisch eine „Fanmeile zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor“ an, inklusive Übertragung aller Spiele auf Großbildwände. Doch jetzt steht dort ein schlichter Satz: „Zur WM 2026 ist jedoch keine Fanmeile geplant“ – ergänzt durch das lästige Stichwort „Korrektur“. Was klingt, als hätte ein Praktikant den Kalender verwechselt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als politisches Desinteresse.
Die Senatsverkehrsverwaltung bestätigt auf Nachfrage: Es lag nie ein offizieller Antrag vor. „Wir haben lediglich eine Anfrage aus der Wirtschaft bekommen, aber keine konkrete Planung“, sagt Sprecherin Petra Nelken. Grund für die Zurückhaltung: Die Zeitverschiebung in die USA, Kanada und Mexiko lässt Anstoßzeiten zwischen 22 und 4 Uhr deutscher Zeit kollabieren. Für Veranstalter bedeutet das horrende Sicherheits- und Personalaufwände, bei gleichzeitig verkürzter Ausschankzeit. Kurz: Die Rechnung geht nicht auf.

Bezirk mitte blieb außen vor
Auch das Bezirksamt Mitte schaut in die Röhre. „Wir wurden weder informiert noch konsultiert“, heißt es dort. Folge: Es gibt keine behördlichen Genehmigungen für Aufbau, Lärmschutz oder Sperrung der Straße des 17. Juni. Die Konsequenz ist alternativlos – die Fanmeile bleibt ein Phantom.
Berlin ist damit die einzige deutsche Großstadt, die auf ein zentrales Public-Viewing-Angebot verzichtet. München rüstet die Theresienwiese auf, Hamburg sperrt die Reeperbahn, Köln verwandelt den Heumarkt in ein WM-Dorf. Nur die Hauptstadt zieht sich zurück – und riskiert, erneut als „Partybremse“ in die Chroniken einzugehen.

Stadion statt straße
Statt Massen auf asphaltierter Promenade setzt der Senat auf kleinere, kostenpflichtige Events in Arenen und Clubs. Die O2 World überträgt alle DFB-Spiele, das Velodrom lockt mit Multiscreen-Experience, einzelne Kiezkneipen dürfen bis 3 Uhr öffnen – sofern sie Sondergenehmigungen erhalten. Die Exklusivität ist gewollt: Weniger Menschen, weniger Risiko, weniger Imageschaden, sollte es erneut zu Randale kommen.
Doch das beschädigt vor allem die eigentliche Stärke des Berliner Fußballsommers: seine Demokratie. 2006 kamen rund 900 000 Fans an die Fanmeile, 2014 sogar 1,3 Millionen. Sie feierten nicht nur Tore, sie feierten sich selbst – ein einziges, buntes, lautes Land. Dieses Kollektiverlebnis fällt 2026 aus. Stattdessen bleibt die kalte Spree, ein leeres Tor und ein Gerücht, das sich selbst korrigiert.
Die Botschaft ist unmissverständlich: Berlin will den großen Kick nicht mehr mitorganisieren. Die Stadt schlägt sich auf die Seite der Vernunft – und verliert dabei ein Stück ihrer Seele.
