Bayern entführt den bernabéu – und die polizei entführt den spaß

Madrid schwankt noch. Der FC Bayern feiert im Hotel Urban ein 1:0, das 25 Jahre auf sich warten ließ. Letztmals jubelten die Münchner 2001 durch Giovane Élber, diesmal reicht ein Kopfball von Kim Min-jae und einmal mehr die Handschuhe von Manuel Neuer, um Real Madrid zu bezwingen. „Unser Factor X, unser Vierzigjähriger, unser Weltklasse-Keeper“, rief Vorstandsboss Jan-Christian Dreesen ins Mikro, während draußen auf der Gran Vía die ersten Madrilenen den Kopf schüttelten.

Ein sieg, zwei geschichten

Im Spiel war Neuer der unbestrittene Protagonist: acht Paraden, davon zwei gegen Vinícius in One-on-one-Situationen, eine gegen Bellingham aus spitzem Winkel. Die xG-Karte des Analysten-Teams zeigt 2,4 Tore für Real – und trotzdem steht am Ende eine Null. „Wir haben heute etwas, was Real nicht hat: eine lebende Bande“, sagte Dreesen. Die Statistik bestätigt: Neuer hat in den letzten fünf Partien gegen Madrid 21 von 22 Schüssen entschärft. Eine Quote, die selbst Iker Casillas in seinen besten Jahren nicht erreichte.

Doch die Nacht endete für viele Bayern-Fans mit einem Kloß im Hals. Der Zugriff der spanischen Polizei auf die Gästetribüne war so hart, dass selbst der sonst diplomatische Dreesen die Contenance verlor. „Unsere Leute wurden an der Rotunda de Castilla wie Kriminelle behandelt“, sagt er der Süddeutschen Zeitung. „Das ist keine Sicherheit mehr, das ist Einschüchterung.“ Augenzeugen berichten von einem 19-jährigen Mädchen aus Nürnberg, das mit einer Schulterluxation auf dem Asphalt lag – weil sie ihre Krücke nicht schnell genug aus dem Rucksack ziehen konnte. Beamte kontrollierten die Alu-Stütze wie eine Schusswaffe.

Der kommandant kam im kriegs-outfit

Der kommandant kam im kriegs-outfit

Bereits am Dienstagvormittag war die Stimmung vergiftet. Bei der Sicherheitsbesprechung betrat der zuständige Polizeikommandant im antidisturbios-Vollschutz den Konferenzraum im Estadio Santiago Bernabéu. Helm, Stiefel, kugelsicheres Westen-Set – ein Outfit, das normalerweise nur bei Risikospielen gegen Hooligan-Gruppen zum Einsatz kommt. „Seine bloße Präsenz war eine Drohung“, sagt ein Bayern-Delegierter. Die Folge: 1.200 Münchner Fans brauchten 45 Minuten länger als geplant, um ins Stadion zu gelangen. Einige verpassten den Anpfiff.

Die UEFA wird den Vorfall prüfen, doch intern ist man beim deutschen Rekordmeister längst nicht mehr nur sauer – man ist alarmiert. „Wenn das die neue Normalität ist, müssen wir unsere Auswärtsstrategie überdenken“, erklärt Sicherheitschef Sebastian Dremmler. Die Zahle spricht Bände: In den letzten drei Europacup-Auswärtsspielen gab es 17 Anzeigen wegen Polizeigewalt gegen deutsche Fans – mehr als in den gesamten fünf Jahren zuvor.

Trotzdem bleibt die Erkenntnis des Abends: Der FC Bayernkann auch dann gewinnen, wenn das Umfeld brennt. Im Rückspiel am Mittwoch in der Allianz Arena reicht ein Remis fürs Finale. „Aber wir wollen nicht verwalten, wir wollen dominieren“, sagt Neuer, noch mit spanischer Nachtluft in der Stimme. Die Mission klar: Den Bernabéu kaltstellen – und Madrid die Lektion verpassen, dass man den Bayern besser nicht erst mit Polizeigewalt, sondern mit fußball begegnen sollte.