Aytekin schlägt zurück: der hass auf schiedsrichter wird zum sport
Deniz Aytekin hat genug. Nach 17 Jahren auf dem Bundesliga-Rasen legt der Ex-FIFA-Referee den Finger in die offene Wunde: Die Debatte um Schiedsrichter-Entscheidungen ist nicht mehr sachlich – sie ist menschenverachtend.
„Jugendliche unparteiische brechen wegen hass-kampagnen weg“
Die Zahlen, die Aytekin im Interview mit der Frankfurter Rundschau nennt, sind kein Ausrutscher, sondern eine Trendwende. 63 Prozent der Nachwuchs-Schiedsrichter in Bayern hängen die Pfeife nach zwei Jahren wieder an den Nagel. Der Grund: Beleidigungen auf dem Platz, Drohungen im Netz, Spuckattacken am Pkw. „Wir verlieren gerade die Generation, die den Amateurfussball am Leben hält“, sagt der 47-Jährige. Seine Stimme zittert nicht – sie ist wütend.
Die Eskalation folgt einem Muster. Samstag 17:30 Uhr, Zweitliga-Topspiel: Der Videoschiedsrichter korrigiert ein Handspiel, Twitter explodiert. Sonntag 15:30 Uhr, Bundesliga-Kracher: Eine Grätsche im Strafraum, der Kollege bleibt unten, Sky-Experte und Klub-Coach synchron: „Skandal!“ Montag 8:00 Uhr: Droh-Mail im Postfach des Referees. Dazwischen: keine Pause. „Die Schwelle der Akzeptanz ist auf 100 Prozent hochgeschraubt – ein Wert, den selbst die NASA nicht liefert“, so Aytekin.

Trainer fordern spieler-schonung, schießen aber auf junge referees
Die Ironie liegt auf dem Tisch. Erst erklärt der Coach, ein 19-jähriger Innenverteidiger dürfe noch patzen, dann fordert er am Mikro, den Assistenten „aufs Schafott“ zu schicken. Aytekin zitiert Julian Nagelsmann, der nach der Pokal-Pleite gegen Freiburg den VAR zum „Deppen-Verein“ erklärte. „Sätze wie diese sind keine Nebenbemerkung, sie sind Brandbeschleuniger“, sagt Aytekin. Seit der Saison 2022/23 verzeichnet der DFB 47 Prozent mehr Online-Anzeigen wegen Bedrohung – Tendenz steil nach oben.
Der Ex-Referee sieht das schwächste Glied – und es trägt Schwarz. „Wir sind Freiwild, weil wir nicht zurückschlagen dürfen.“ Sein Appell richtet sich an Medien, an Liga-Bosse, an Fans: „Wer ein Tor sehen will, muss auch mal ein Abseits akzeptieren.“ Die Alternative: In zehn Jahren pfeift der Amateur-Kick der Sohnemann von heute mit Smartwatch und Heart-Rate-Belt – selbst geschaltet, weil kein Schiedsrichter mehr bereitsteht.
Aytekin selbst wird nicht mehr auflaufen. Seit Sommer ist er Projekt-Manager bei der DFB-Akademie, baut ein Mentorenprogramm für Nachwuchs-Referees auf. 1.200 Euro kostet eine Saison Ausbildung, 1.200 Euro, die der Verband künftig übernimmt. „Wir zahlen drauf, damit sich keiner mehr fragen muss, warum er sich den Hass antun soll.“ Die Bilanz seiner Karriere: 248 Bundesliga-Spiele, eine rote Karte gegen Neymar, ein Pokalfinale, das er wegen Muskelverletzung abbrach – und ein Einsatz, der jetzt außerhalb des Rasens weitergeht. „Ich will nicht, dass mein Nachfolger erst dann geehrt wird, wenn er aufhört.“
