Andri runarsson kehrt zurück – und spielt plötzlich für seinen vater
Donnerstag, 19 Uhr, Leipzig: Andri Runarsson betritt die Arena, in der er jahrelang jubelte. Diesmal trägt er das Trikot des HC Erlangen. Und diesmal kann sein Sieg dem Vater helfen, den Job zu retten. Ein Klassiker der Handball-Bundesliga? Nein, ein Familiendrama mit Pokalcharakter.
Der Isländer ist linksaußen, Spielmacher, Kapitänsstimme. Vor zwölf Monanten flüchtete er aus Sachsen, nachdem der Klub seinen Vater Runar Sigtryggsson als Trainer entließ. „Viele Gründe“ hatte er damals gesagt, mehr wollte er nicht erklären. Stille war besser als Streit. Jetzt sitzt der Vater bei der HSG Wetzlar auf der Bank, Tabellenplatz 16, zwei Zähler vor dem letzten sicheren Fleck. Ein Erlanger Sieg würde Wetzlar Luft verschaffen – und Sohn Andri zum ungewollten Retter machen.
Ein blick zurück, kein wort zu viel
„Ich denke nicht mehr drüber nach“, sagt Runarsson, doch die Stimme wird einen Ton tiefer, wenn Leipzig fällt. Er spricht gern über Staffan Peter und Moritz Preuß, seine ehemaligen Mitspieler. „Alte Freunde“ nennt er sie. Aber das Spiel ist vorbei nach 60 Minuten, danach zählt nur die Tabelle. Der HC Erlangen ist so gut wie gerettet, dennoch will er gewinnen. „Nicht für Wetzlar, für uns“, betont er. Der Satz klingt wie ein Mantra gegen die eigene Geschichte.
Die Vorbereitung lief normal, keine Extragespräche, keine geheimen SMS an Papa. Runarsson trainierte zusätzliche Würfe aus dem Rückraum, weil Leipzig seine Rückraumdeckung umgestellt hat. „Die kennen mich, ich kenne sie. Wer zuerst schläft, verliert“, sagt er und lacht – aber nur halb.

Die szene, die keiner erwartet
Kurz vor Schluss könnte eine Siebenmeter-Entscheidung fallen. Dann steht Runarsson an der Linie, schaut in die Kurve, in der früher seine Fans sangen. Trifft er, schießt er Wetzlar den Gegner weg. Verballert er, behält Leipzig die Punkte. „Ich weiß, wie laut es wird“, sagt er. „Aber ich weiß auch, wie leise der Ball sein kann, wenn er ins Netz schlägt.“
Am Ende zählt ein Ziel: drei Punkte für Erlangen. Ob sie seinem Vater nützen? „Das steht in einem anderen Kapitel“, sagt Runarsson. Er wird es nicht lesen, bevor die Sirene ertönt. Dann umarmt er vielleicht seinen alten Kumpel Peter, winkt vielleicht in die Richtung, in der früher sein Vater stand. Und geht durch den Spielertunnel, ohne sich umzudrehen. Weil Sport manchmal die einzige Möglichkeit ist, die eigene Vergangenheit zu überspielen.
