Aicher verpasst shiffrin-k.o. um 87 punkte – und lacht trotzdem

87 Punkte. So knapp war Emma Aicher dran, Mikaela Shiffrin im Gesamtweltcup zu beerben. Ein Sturz, ein Haken, ein Hauch von Eis in Lillehammer – und die Sensation war geplatzt. Doch statt zu hadern, lächelt die 22-Jährige: „Ich bin stolz, dass ich sie bis zum letzten Riesenslalom gejagt habe.“

Der fehler, der keiner war

Im zweiten Lauf rutschte Aicher vom dritten auf den zwölften Rang ab. Klingt bitter, ist es auch – aber nur auf dem Papier. Denn wer die Saison verfolgte, weiß: Das Mädel aus Bad Wiessee fuhr mit zwei olympischen Silbermedaillen im Gepäck nach Norwegen, hatte in allen vier Disziplinen Punkte geholt und Shiffrin erstmals seit Jahren ins Schwitzen gebracht. Der Riesenslalom war nie ihre Parade-Disziplin. Dass sie hier überhaupt mitmischen konnte, war schon die halbe Sensation.

„Ich hab mir in Hafjell gesagt: Jetzt ist alles egal, ich kann einfach fahren“, erzählt sie im Eurosport-Mikro. Das klingt nach Freiheit, nach Jugend, nach der Erkenntnis, dass Druck nur funktioniert, wenn man ihn ablegt. Und so fuhr sie los – mit Tempo, mit Risiko, mit dem Mut, der sie von der Speed-Queen zur Allround-Hoffnung machte.

Shiffrin zollt respekt – und meint es ernst

Shiffrin zollt respekt – und meint es ernst

Mikaela Shiffrin, sonst so wortkarg, schwärmt post-race: „Emma inspiriert mich. Sie kommt aus dem Speed-Bereich und attackiert im Riesenslalom, als wäre es ein Streif-Abfahrt.“ Das ist kein höfliches Kompliment, es ist eine Kampfansage. Denn Shiffrin spürt den Atem der Jungen auf ihrem Nacken. 87 Punkte – das sind im Weltcup zwei Ränge, ein Tor, ein Windstoß.

Aicher selbst sieht es lockerer: „Drei Disziplinen haben funktioniert, warum nicht auch der Riese?“ Ihre Logik ist simpel: Wer Silber auf der Olympia-Abfahrt holt, darf im Riesenslalom auch mal zwölf werden. Die Klasse ist nicht das Ergebnis, sondern der Weg.

Sommer? erst mal real-life

Sommer? erst mal real-life

Jetzt heißt es Abschied nehmen – von Schnee, von Siegerehrungen, von der Ski-Bubble. „Ich brauche Abstand, ein bisschen normales Leben“, sagt sie. Für Aicher heißt das: Studium, Freunde, vielleicht ein Roadtrip, auf dem kein Ski dabei ist. Der Weltcup schläft nicht, aber sie erst mal schon.

Die Saison war ihre beste – mit oder ohne Kristall. Und wenn sie im November wieder an die Startlinie rollt, wird Shiffrin sie kennen. Ganz nah. Vielleicht sogar auf Augenhöhe. 87 Punkte sind nichts – wenn man 365 Tage Zeit hat, sie aufzuholen.