Abrashi schlüpft zur pause in die retterrolle – und schlägt ein wie eine bombe
46 Minuten war gespielt, als Gerald Scheiblehner in der Kabine die Tür aufstieß und zwei Worte sprach: „Amir, warmmachen.“ Der 33-jährige GC-Kapitän hatte den Satz schon fast nicht mehr erwartet – 171 Tage war er außer Gefecht, zwölf Minuten hatte er seit September in den Beinen. Was dann folgte, war kein Kurzeinsatz, sondern ein Statement: 3:1 gegen Lugano, erster Heimsieg seit Mitte Dezember, erster Abrashi-Comeback-Treffer in Sachen Leidenschaft.
„Ich habe gedacht, der coach will jemand anderen“
Abrashi selbst lachte nach Abpfiff schief: „Ich stand in der Kabine, zog mir gerade die Wärmelampe über die Wade, da klopft mir der Chef auf die Schulter. Ich dachte, er sucht den Physio.“ Stattdessen suchte Scheiblehner einen Feldgeneral. Der Albaner lief ein, schob sich sofort zwischen die Innenverteidiger, stellte die Sechser-Kette um und schrie sich in Minuten zwei Stimmbänder kaputt. Lugano kam in der zweiten Hälfte zu keinem Torschuss mehr aus dem Zentrum – Statistik, die im Letzigrund laut wird wie ein Gong.
Die Zahlen sind bissig: vor der Pause 38 % Ballbesitz GC, danach 61 %; vorher 2 Torschüsse, danach 9. Abrashi gewann 14 von 17 Zweikämpfen, spielte 96 Pässe – 94 trafen den Partner. „Er hat uns auf einmal ein Rhythmusgefühl gegeben, das wir seit Wochen vermissen“, sagte Mittelfeldpartner Bendeguz Bolla, selbst sonst eher Wortkarg. Die Berner Zeitung schrieb bereits vom „Abrashi-Effekt“, der den Abstiegskampf neu aufmischt.

Der kanton bern wird zur herzkammer des abstiegs
Mit dem Sieg springt GC auf Platz 9 – zwei Punkte Luft zum Tabellenkeller. Die Rückrunde hat noch acht Partien, drei davon gegen direkte Konkurrenten. Scheiblehner klang schon wie ein Mann, der weiß, dass er einen Trumpf ziehen konnte: „Amir ist nicht einfach ein Spieler, er ist eine Abteilung. Wenn er fit ist, haben wir eine andere Gesichtsfarbe.“ Das klingt nach einer Drohung an die Konkurrenz – und nach einem Versprechen an die Fans, die ihre Stimmen am Samstagabend bis in die letzte Reihe schwangen.
Abrashi selbst macht kein Geheimnis aus der Mission: „Wir haben nichts geschenkt bekommen, wir haben es uns geholt. Und wir werden weitermachen, bis die Rechnung stimmt.“ Dann verschwindet er Richtung Kabine, leicht hinkend, aber mit dem Grinsen eines Mannes, der gerade bewiesen hat: Manchmal reicht eine einzige Halbzeit, um eine Saison umzukrempeln. Der Letzigrund wird diese Woche zur Abrashi-Arena – und der Rest der Liga hat jetzt ein Problem namens Captain.
