41:38-Spektakel in dortmund: dhb-team liefert angriffs-feuerwerk, aber die hintertür steht offen
Die Westfalenhalle tobte, 10.000 Zuschauer schmetterten sich die Hände wund – und irgendwo zwischen Jubel und Juckreiz stand Alfred Gislason, zufrieden und verstimmt zugleich. 41 Tore schoss sein Team gegen Ägypten, 38 kassierte es. Ein Sieg, der an Faszination nur mit einem Horrorfilm mithalten kann.
Lukas Mertens warf sich nach Abpfiff in die Menge, ließ Bälle wie Souvenirs in die Reihen segeln und grinste wie ein Pirat. „Die dritte Halbzeit war der Burner“, sagte er, während Kinder mit Stiften an den Zaun drängten. Die EM-Silbermedaille, erst eineinhalb Monate alt, wurde auf dem Hallenwürfel noch einmal in Slowmotion gezeigt – ein Trick, der Erinnerungen wachrüttelte und gleichzeitig den Appetisch auf die Heim-WM 2027 schürte, genau 300 Tage entfernt.
Gollas gedanken zwischen silber und nächstem stern
Johannes Golla stand etwas abseits, Autogrammkarten im Anschlag. „Wir haben 2024 gelernt, wie wir von unseren Fans getragen werden“, sagte der Kapitän und meinte die Vorrunden-Aus im eigenen Land, die seiner Truppe damals die Grenzen aufzeigte. „Jetzt sind wir einen Schritt weiter.“ Gemeint ist: jünger, schneller, unbekümmerter – aber eben auch anfälliger. Denn wenn Ägypten in 60 Minuten 38 Mal trifft, darf niemand die dänische Maschine erwähnen, die im Mai in Köln wartet.
Juri Knorr lachte die Sorgen weg. Neun Treffer, drei Pässe, die ans Band schlugen wie ein Tennisprofi. „Ich gewinne lieber 41:38 als 21:20“, sagte er und schob einen Schluck Wasser nach. Die Art von Offensiv-Feuerwerk, die Zuschauer in Wallung bringt und Statistiker verzweifeln lässt. Denn 38 Gegentore sind kein Schreibfehler, sondern ein Systemhinweis.

Gislason zählt laut auf: 20 gegentore nach der pause
Der Isländer sprach von „Weckrufen“, die seine Abwehr offenbar ignorierte. 20 Gegentore in Hälfte zwei bedeuten, dass selbst der Champagner der Verbandschefs einen leicht bitteren Nachgeschmack behält. Die Flasche war graviert: „Vize-Europameister 2026“. Das Etikett klebte, das Kollektiv-Gedächtnis auch.
Am Sonntag geht’s gegen dieselben Ägypter erneut um 15.30 Uhr – live auf ProSieben und Dyn. Gislason wird die Video-Analyse nicht mit Popcorn verbringen. Zu viele Lücken, zu viele Eins-gegen-Eins-Situationen, die sich wie Fehlzündungen anhören. „Wir müssen zwei, drei Schrauben zudrehen“, forderte Golla. Die Kinderschar am Zaun kümmert das wenig. Für sie ist jedes Tor ein Tor, egal ob hinten oder vorne.
300 Tage bis zur WM. Die Westfalenhalle bewies: Das Land ist bereit, die Halle ist laut, der Angriff auch. Die Abwehr muss nur noch mitkommen. Dann wird der Champagner vielleicht nicht mehr für Silber, sondern für Gold kaltgestellt.
