41:38 Gegen ägypten – deutschlands handballer zünden feuerwerk und träumen vom wm-traum

Die Westfalenhalle kocht. 41:38 steht es nach 60 verrückten Minuten, und Johannes Golla schleudert den Spielball wie einen Siegesorden in die Menge. Da ist sie wieder, die Silber-Euphorie von Dänemark, nur diesmal mit Extra-Portion Offensiv-Furor. Deutschlands Handballer haben den ersten Härtetest nach der EM-Sensation gewonnen – und sich selbst ein neues Maß an Anspruch gesetzt.

Die offense glüht, die defense stottert

41 Tore gegen den Afrikameister – das ist eine Hausnummer, die selbst Juri Knorr nach seinem Neun-Tore-Spiel die Stimme verschlägt. „Ich mag diesen Spielstil. Ich gewinne lieber so als 21:20“, sagt er grinsend, während neben ihm Alfred Gislason die Arme verschränkt. 38 Gegentore sind für den Isländer ein Schandfleck. „Viel zu viel“, knurrt er. Die Zahlen lügen nicht: Deutschlands Angriff funktioniert wie ein Uhrwerk, die Deckung aber wirkt wie ein Drehbuch mit Löchern – besonders in Hälfte zwei, als Ägypten binnen zwölf Minuten 20-mal einnetzte und die deutsche Führung auf einen Treffer schmolz.

Lukas Mertens nimmt’s mit Humor. „Das Beste war, die Bälle ins Publikum zu schleudern – das hat Spaß gemacht“, sagt der Linksaußen und meint die extra für die Kids ausgeteilten Autogramm-Bälle. Die Halle war ausverkauft, 12.000 Menschen schmetterten „Gute Laune“ mit dem Berliner Band-Duo, und selbst DHB-Präsident Andreas Michelmann schwenkte die Champagner-Flasche. Der Verband feiert seine Jungs, als wäre schon Januar 2027 – Heim-WM, eigene Halle, eigene Fans.

Die silber-momente kehren zurück

Die silber-momente kehren zurück

Im Videospot vor dem Anpfiff flimmern die EM-Bilder: Gollas Sprungwurf gegen Sweden, Knorr’s Siebenmeter-Kracher, Mertens’ Tempogegenstoß. „Das hat Erinnerungen wachgerufen“, sagt Golla und klingt plötzlich leiser. Die Leinwand zeigt, was diese Truppe in Dänemark geleistet hat – und was sie in 300 Tagen in Köln, Berlin und Hamburg noch erreichen will. „Wir sind einen Schritt weiter“, sagt der Kapitän. Gemeint ist der Sprung vom jungen Wilden zum ernstzunehmenden Medaillenkandidaten.

Das Publikum spürt’s. Draußen vor der Halle stehen Eltern mit Kindern Schlange, um Selfies mit „Lu-Mer“ und „J-Kno“ zu ergattern. Die Nachfrage nach WM-Tickets ist laut DHB bereits doppelt so hoch wie vor der EM. Der Hype ist kein Schleichwerbung-Moment mehr, er ist Realität. Und er frisst sich durch die Kabine. „Wir haben heute gesehen, dass wir mit voller Halle ein anderes Gesicht bekommen“, sagt Gislason, der die Energie der Fans schon 2024 bei der Heim-EM erlebt hat – nur damals reichte’s zum vierten Platz.

Dänemark wartet, die uhr tickt

Am Sonntag geht’s in das Rückspiel gegen Ägypten (15.30 Uhr/ProSieben und Dyn), dann folgt am 17. Mai in Köln der Clou gegen den Olympiasieger. „Die Dänen sind der Maßstab“, sagt Knorr und schaut dabei aus, als würde er schon jetzt die Anwurf-Show herbeisehnen. Der Spielmacher weiß: Wer gegen Mikkel Hansen & Co. mithalten kann, darf in 2027 auch vom Podium träumen. Die Defensiv-Schwäche gegen Ägypten ist dabei kein Geheimnis mehr. Gislason will „zwei, drei Dinge“ anpassen – Codewort für neues Deckungssystem und mehr Videoanalyse. Die interne Statistik verrät: In 20 der 38 Gegentore war der Kreisläufer zu spät am Gegner, ein klarer Arbeitsauftrag für den österreichischen Assistenzcoach.

Doch zuerst zählt der Sieg. 41 Tore sind die zweithöchste Länderspiel-Ausbeute der DHB-Geschichte, nur 2018 gegen Saudi-Arabien (42) war sie höher. Die Tordifferenz von plus drei mag bescheiden wirken, doch der Effekt ist gewaltig. Deutschland hat bewiesen: Wir können auch dann gewinnen, wenn die Abwehr schlummert. Das ist die Botschaft, die mit jedem Kind, das heute einen Ball nach Hause trägt, ein Stück weiterzieht. Die WM-Tickets werden knapp. Die Uhr tickt. Und Johannes Golla hat noch viele Autogramme zu schreiben.