35.000 Menschen, ein name: achim feiert undav wie einen popstar
Achim ist kein Ort, der die Welt bewegt. Heute schon. Weil Deniz Undav drei Mal traf und seine Heimatstadt plötzlich im Taumel ist.
Wenn der marktplatz zum fanblock wird
Früher standen hier Rentner, die sich über Blumenzwiebeln stritten. Jetzt stehen sie Schulter an Schulter vor einer großen Leinwand im Vereinsheim des TSV Achim und schreien jeden Ballkontakt ihres Jungen hinterher. "Ich kenne ihn noch mit Lätzchen", ruft eine ältere Dame und zeigt Fotos, die sie auf einer verschwitzten Handy-Galerie wischt. Das ist keine Stadt, das ist ein einziger Fanclub.
Edeltraut Koch, 72, trägt noch immer die Trainingsjacke vom TSV. Sie war die erste, die Undav dribbeln ließ, als andere vierjährige noch mit Spielzeugautos rumsaßen. "Er kam immer direkt vom Kindergarten, hat die Schuhe übergestreift und wollte nur schießen. Manchmal musste ich ihn zwingen, mal zu trinken", erzählt sie lachend. Die Zahlen sprechen für sich: damals 30 Tore pro Saison, heute drei in nur vier WM-Einsätzen.

Vom abschlag bis zum traumtor
Die Strecke war lang. Nach dem Stottern bei Werder Bremen („zu klein, zu dick“ lautete das Gutachten) landete der Stürmer in der Provinz, arbeitete sich durch Regionalliga und Oberliga, bis Stuttgart erkannte, dass seine Bewegung kein Zufall ist. Wer heute im Achimer Sportpark trainiert, trifft auf kleine Jungs, die sich ein Trikot mit der Nummer 26 wünschen – und auf Kadir Akan, der ihn mit extra-scharfen Dönern versorgte.
„Er bestellt immer noch denselben: viel Chili, so rot, dass man das Fleisch nicht mehr sieht“, sagt Akan, während er eine neue Portion Fleisch auf die Kebab-Maschine schiebt. Der Laden ist ausverkauft, die Schlange reicht bis zur Ecke. Ein Schild hängt über der Theke: „Bei einem Undav-Tor gibt’s den nächsten Döner umsonst.“ Die Jungs dahinter zählen laut die Tore mit.

Am 19. juli könnte die stadt implodieren
Der 19. Juli ist markiert – und nicht nur im Kalender. Es ist Undavs 30. Geburtstag und möglicherweise auch der Tag des WM-Finales. Kai Tietjen, Abteilungsleiter des TSV, schiebt schon mal Bierfässer in den Lagerraum. „Wir haben 200 zusätzliche Plätze im Festzelt, zwei Bands gebucht und einen riesigen LED-Wall bestellt“, sagt er. Der Bruder von Deniz, der noch beim TSV spielt, flog extra nach Nordamerika, um Trikots und Autogrammkarten zu holen. „Das Vereinsheim platzt eh aus allen Nähten, aber wenn er ins Finale kommt, machen wir die Tore auf und feiern auf dem Platz.“
Die Stadtverwaltung hat spontan eine Fan-Meile genehmigt, die von der Dönerbude bis zum Rathaus führt. Laut Polizei werden es 35.000 Menschen – genau so viele wie Einwohner. Keiner will fehlen. Die Sparkasse druckt Aufkleber mit dem Slogan: „Achim. Kleine Stadt, großer Champion.“
Und irgendwo in den USA schießt ein Junge aus Achim vielleicht gerade das Tor, das alles einlöst.
