19,72 Sekunden für die ewigkeit: vor 13 jahren starb pietro mennea

Am 21. März 2013 erlosch in Rom das Leben von Pietro Mennea – und mit ihm ein Stück Sprint-Geschichte. Der Italiener, der 1979 in Mexiko-Stadt mit 19,72 s über 200 Meter die Stoppsäulen zum Stehen brachte, verlor den Kampf gegen den Krebs. Er wurde 60 Jahre alt.

Der tag, an dem der pfeil des südens abfeuerte

Es war kein Wind, keine Höhe, kein Zufall. Auf der dünner Luft von 2.240 Metern jagte Mennea bei den Universiade-Endläufen nicht nur Rivalen, sondern auch eine Zahl durchs Ziel: 19,72. Die blieb 17 Jahre unangetastet, bis Michael Johnson 1996 in Atlanta 19,66 lief. Länger hielt kein Weltrekord in der Königsklasse durch – und keiner seitdem wurde so oft hinterfragt wie jener des schmächtigen Apuliers.

Die Vorwürfe: Höhenlage, Sonderbedingungen, ein einmaliges Wunder. Die Antwort lieferte Mennea selbst, 1980 in Köln: 19,96 auf Meereshöhe, damals ebenfalls Weltbestzeit. „Ich bin kein Fluke, ich bin hier, um zu bleiben“, sagte er später – und meinte nicht nur die Sekunden, sondern das Bewusstsein der Leichtathletik.

Von olympia-bronze 1972 bis gold 1980

Von olympia-bronze 1972 bis gold 1980

Menneas Karriere liest sich wie ein Kondensat der 70er: Doppel-Bronze in München über 100 und 200 Meter, drei Europameistertitel, Doppelsieg 1978 in Prag, dann der Triumph von Moskau, wo er sich über 200 Meter die Goldmedaille um die Schultern legte – im Regen, gegen die US-Boykott-Konkurrenz, aber mit makelloser Technik und einem Finish, das Trainer noch heute in Lehrvideos zerlegen.

Der Sprinter mit der aufrechten Haltung und den rasanten Frequenzschlägen war Italiens Antwort auf die US-Dominanz. Seine Rivalen nannten ihn „La Freccia del Sud“ – den Pfeil des Südens. Die Bezeichnung wurde zum Markenzeichen, die schwarze Haarmähne zum Symbol eines Landes, das sich endlich auch auf der Sprintbahn Gehör verschaffte.

Rekord steht, legende lebt

Rekord steht, legende lebt

Über vier Jahrzehnte später ist 19,72 noch immer Europarekord. Kein Europäer kam auch nur in die Nähe – weder Frankie Fredericks, noch Christophe Lemaitre, noch der aktuelle Shooting-Star Letsile Tebogo. Die Bestmark wird alt, aber nicht brüchig. Sie erinnert daran, dass einst ein 1,80 Meter kleiner Student aus Barletta die Physik der Sprintbahn neu schrieb.

Mennea selbst wurde nach seiner Aktivenzeit Abgeordneter im Europaparlament, Kampf gegen Doping, Kampf für Sportlerrechte. Der Krebs diagnostizierte sich spät. Als er starb, twitterte Italiens damaliger Sportminister: „Wir verlieren einen Löwen, der wie ein Pfeil flog.“

Die Uhr stoppte 2013. Die Zeit von 19,72 Sekunden tickt weiter – und damit die Erinnerung an den Mann, der bewies, dass Schnelligkeit keine Frage der Herkunft ist, sondern der Hingabe.