Lothar linz packt aus: so schützen sich profis vor hass im netz

Sportpsychologe Lothar Linz hat den Mumm, beim SPORT1-Podcast „Deep Dive“ die gepflegte Schweigen-Regel zu brechen. Ob Shitstorm nach verpatztem Elfmeter oder Morddrohung nach Niederlage – Linz nennt die Täter beim Namen: „Das sind keine Fans, das sind digitale Prügelgerüste.“

Warum hass im sport boomt

„Der Fußball ist zum Ventil geworden“, sagt Linz. „Menschen, die im Job keine Kontrolle haben, treten nachts um 23:12 Uhr auf Instagram gegen Leroy Sané.“ Die Anonymität sei nur die halbe Wahrheit. Das andere Fundament: Emotionale Enthemmung durch Live-Übertragung, Wetten und Alkopops. „Ich habe Spieler, die nach 22:00 Uhr keine Push-Meldungen mehr erlauben. Nicht wegen des Trainingsplans – wegen dem Eltern-WhatsApp-Chat.“

Die Zahlen sind lauter als jedes Stadion. 78 Prozent der 320 befragten Profis aus erster und zweiter Liga gaben an, mindestens einmal pro Woche beleidigt zu werden. 14 Prozent erhielten konkrete Gewaltaufrufe. „Das ist keine Randerscheinung, das ist Alltag“, so Linz. „Und die Plattformen? Reagieren erst, wenn der Sponsor klingelt.“

Linz’ drei-stufen-plan für spieler

Linz’ drei-stufen-plan für spieler

„Wer glaubt, man könne sich mit „Blockieren“ schützen, hat den Schuss nicht gehört.“ Linz fordert stattdessen:

1. Deprivatisierung: „Hasspost raus aus der Privatsphäre. Nicht in der Hotel-Ecke scrollen, sondern im geschützten Medienraum mit Betreuer.“

2. Protokoll statt Scham: „Screenshot, Anwalt, Strafanzeige. Vereine zahlen Juristen, die kalkulieren: ‚Was kostet ein Verfahren?‘ Spieler sollen lernen: Was null Konsequenz hat, wächst.“

3. Counter-Support: „Gleichzeitig 100 positive DMs posten. Gezieltes Empowerment durch Community-Manager. Der Algorithmus lernt: Hass bringt keine Reichweite.“

Erfolge gibt es längst. Nachdem ein Bundesligaclub Linz’ Konzept einführte, sanken bei den Test-Kandidaten die psychischen Belastungswerte um 32 Prozent innerhalb von zwölf Wochen. „Das ist keine PR-Aktion, das ist Leistungsschutz.“

Die kehrseite der medaille

Die kehrseite der medaille

Kritik kommt von Betroffenen. „Man will uns einreden, dickes Fell sei Teil des Gehalts“, sagt eine Nationalspielerin, die anonym bleiben will. Linz kontert: „Wenn meine Tochter Praktikantin wird, muss sie auch keinen Klingelton ertragen, der ruft: ‚Ich hoffe, du verlierst deinen Job.‘ Sport ist Arbeit. Und Arbeit hat Regeln.“

Noch ist der Kampf ungleich. Die DFL erließ zwar Leitlinien, doch Strafen sind selten. „Bis ein Gericht urteilt, hat der Spieler zwei Saisonspiele verloren – und zwar in seinem Kopf“, bilanziert Linz. „Wir reden hier nicht über ‚kritische Kommentare‘. Wir reden über Straftatbestände.“

Am Ende bleibt eine Erkenntnis: Der Sieg gegen Hass beginnt nicht auf dem Platz, sondern im Kopf. „Wer sich selbst schützt, schützt den ganzen Sport“, sagt Linz. Und schiebt nach: „Bis das kapiert ist, bleibt der nächste Shitstorm nur eine Frage der Uhrzeit.“