Six jahre nach mord in kolumbien: chi l’ha visto? lässt die mutter des un-beobachters auflaufen
Fast sechs Jahre nach dem Tod von Mario Paciolla schaltet sich die RAI wieder ein. Am Mittwochabend, 21.20 Uhr, öffnet Federica Sciarellis „Chi l’ha visto?“ die Bühnenklappen für ein Drama, das nie wirklich die Bühnen verließ. Die Eltern des 33-jährigen italienischen UN-Beobachters sitzen im Studio – und sie bringen keine Tränen, sondern Aktenordner mit.
Die kolumbianischen Behörden hatten Suizid diagnostiziert: Schnitte an den Handgelenken, dann Erhängen. Doch Paciolla hatte gerade seine Rückflugkarte nach Neapel gebucht und seiner Mitbewohnerin eine Einkaufsliste für die Quarantäne hinterlassen. „Wer plant seine Rückkehr, wenn er sich in 48 Stunden umbringen will?“ fragt Vater Antonio Paciolla im Vorab-Interview. Die Antwort lautet: niemand. Die neue Zeugin, die Sciarelli präsentiert, ist eine ehemalige Friedensmissionärin, die Mario am 14. Juli 2020 – einen Tag vor seinem Tod – in einem Jeep gesehen hat. Mit blauen Flechten im Gesicht. Und in Begleitung zweier Kollegen, die offiziell nie existierten.
Die akteure hinter den kulissen
Die Sendung legt ein drittes autonomes Gutachten vor, das die Blutspuren am Tisch analysiert. Ergebnis: Die Schnitte wurden mit einer Klinge verursacht, die Paciolla selbst nie führte – zu grob, zu tief, falscher Winkel. Die kolumbianische Sonderermittlerin María Mercedes Maldonado schickt per Skype ein Statement, das die RAI live einblendet: „Wir haben die Ermittlungen nie offiziell geschlossen, aber wir warten auf neue Beweise aus Rom.“ Ein Satz, der die kugel zurückkickt in die europäische Hauptstadt.
Zwischen den Sätzen sickert ein Detail durch, das die Quote nach oben treiben wird: Die UN-Akte über Mario ist nur noch 18 Seiten dick – ursprünglich 120. Wer die restlichen 102 Seiten schredderte, bleibt unklar. Sciarellis Redaktion konnte einen Ausschnitt retten: ein internes Memo des UN-Sicherheitsbüros vom 13. Juli 2020, in dem Paciolla um sofortige Abberufung bat. Begründung: „Bedrohung durch paramilitärische Strukturen innerhalb der Mission.“

Ein studio, das zum tribunal wird
Die zweite Stunde gehört dem Double-Feature aus Pietracatella. Mutter und Tochter, Antonella Di Ielsi und Sara Di Vita, starben an Ricin, einem Stoff, den man nicht im Dorfladen kauft. Die Sendung zeigt ein Handyvideo, das Sara am Tag vor ihrem Tod aufnahm: Sie filmt einen weißen Lieferwagen mit römischem Kennzeichen, der dreimal vor dem Haus parkt. Das Nummernschild ist unleserlich – aber das Zeitstempel nicht: 22.41 Uhr. Die Staatsanwaltschaft Campobasso lehnte eine internationale Rostersuche ab. Sciarelli lädt den zuständigen Staatsanwalt ein. Der lehnt ab. Stattdessen sitzt Nonna Rosa, 82, im Studio und sagt nur: „Ich habe die beiden noch lebend gesehen, nachdem laut Akte bereits das Gift gewirkt haben soll.“
Die dritte Geschichte wirft einen Schatten auf den Stiefelabsatz der Abruzzen: Lorena Paolini, 41, aufgefunden in ihrer Wohnung in Ortona, Tod durch Erhängen. Die Ermittler sprachen von Suizid, die Familie von Mord. Sciarelli zeigt eine 45-Sekunden-Sekretärinnen-Aufnahme, die Lorenas Mann am Tatort machte – man hört ihn atmen, aber keine Schritte, keine Eile. Die Kamera schwenkt auf einen Stuhl, der umgekippt ist – aber keine Abdrücke auf dem Teppich. „Wer sich erhängt, schafft Spuren“, sagt Lorenas Cousine Valentina ins Publikum. „Wer jemanden erhängt, entfernt sie.“
Die Sendung endet mit einem Appell, nicht an die Behörden, sondern an die 2,3 Millionen Zuschauer, die letzte Woche einschalteten. Sciarelli ruft dazu auf, alle Handyvideos, Dashcam-Aufnahmen und Whatsapp-Sprachnachrichten aus den drei Fällen über die neue verschlüsselte Plattform „RaiSegnali“ hochzuladen. Innerhalb von 90 Minuten nach Sendeschluss gehen 1.400 Dateien ein. Die Quote steigt auf 11,4 %. Die Wette gilt: Wenn nur eine Datei neue Indizien liefert, wird das Studio in der nächsten Ausgabe zu einem Gericht – und die Armlehnen der Gäste zu Schutzschildern.
