Silber trotz krise: marburgers sprint-coup wirft fragen über langstrecken-start auf

Sebastian Marburger spürte die Sauerstoffmesser kurz vor dem Startfiff klirren – und lachte trotzdem. 1:58 Minuten später stand der 28-jährige Nordhesse auf dem Silberpodest der Paralympics, die erste Medaille für Hessen in Italien. Der Belarussen Raman Svirydzenka blieb ihm um 1,3 Sekunden voraus, doch die Platzierung war nicht das Einzige, was für Gesprächsstoff sorgte.

Halbfinale mit fieber: „ich habe meinen körper angezweifelt“

Marburger hatte sich vor dem Rennen kaum laufen können. „Die Tage zuvor war ich flach, Fieber, Hals – alles dabei“, sagt er und schüttelt noch immer den Kopf. Dass er sich dennoch als Zweitbester für das Finale qualifizierte, verdankt er einer Mischung aus Erfahrung und Tempodiktatur. „Ich habe meine Beine einfach in den Zielraum geschmissen und gehofft, dass sie nicht abbrechen.“ Die Taktik ging auf – und sorgte bei deutschen Trainern für aufgerissene Augen.

Die Frage, ob er am Mittwoch über zehn Kilometer antritt, ließ der Langläufer offen. Die Ärzte hatten ihm nach dem Zieleinlauf sofort Sauerstoff verabreicht, die Laktatwerte schossen in astronomische Bereiche. „Ich bin keine Maschine, ich bin ein Mensch mit kaputten Lungen“, sagt er und schaut dabei schon fast verärgert. „Wenn mein Körper Nein sagt, höre ich auf.“

Frankenberger pionier: „ich wollte nur zeigen, dass wir da sind“

Frankenberger pionier: „ich wollte nur zeigen, dass wir da sind“

Marburger wuchs im Skilanglauf-Niemandsland auf. In Frankenberg galt Wintersport lange als Randnotiz, Behinderungssport war quasi nicht existent. „Ich bin meine Strecke im Sommer mit Rollski abgefahren, weil es keine Loipe gab“, erinnert er sich. Jetzt hängt sein Name an der Wand der hessischen Sporthalle – und ein Silberfoto im Rathaus seiner Heimatstadt.

Die Medaille könnte mehr bewirken als jedes Förderprogramm. Die Nachwuchsgruppe des TSV Marburg meldet bereits Anfragen von Eltern, deren Kinder mit körperlichen Einschränkungen leben. „Ich bin kein Held, ich bin nur ein Typ mit Stöcken“, sagt Marburger. „Aber wenn ein Kind deswegen mal auf Skier steigt, war der Schmerz heute schon wert.“

Ob er in zwei Tagen erneut auf die Startline steht, entscheidet sich nach Blutbild und Nachtschweiß. „Silber ist Silber, aber meine Lunge ist keine Trophäe“, sagt er und grinst trotz allem. „Wenn es nicht geht, feiere ich eben mit den anderen hessischen Jungs – und trinke stattdessen italienischen Kaffee.“