Shiffrin jagt die kugel mit dem gaspedal durch den neuen hang
Mikaela Shiffrin tritt die Bremse nicht. 45 Punkte Vorsprung, zwei Rennen, null Sicherheitsmodus. Nach dem Super-G in Kvitfjell schickt sie sich an, ihren Lieblingsdisziplinen den letzten Kick zu verpassen – und das auf einem Slalom-Hang, den sie noch nie gesehen hat.

Training war gestern, jetzt kommt der kampfmodus
Die Speed-Wochen sind für sie nur noch Videomaterial. „Diese Energie kriegst du im Training nie rein“, sagt sie, als hätte sie das Rennen mit 26. Platz nur deshalb gefahren, um ihre inneren Bilder frisch zu halten. Jetzt zieht sie die Spur auf Hafjell, wo am Wochenende Slalom und Riesenslalom die Saison entscheiden. Shiffrin will nicht verwalten, sie will angreifen. „Ich stelle mir die Titel einfach weg“, sagt sie – und meint: Vollgas oder nichts.
Die Gegnerin mit dem grössten Hunger heisst Camille Rast. Die Schweizerin hat in Kranjska Gora bewiesen, dass sie Shiffrin selbst auf deren bestem Tag schlagen kann. „Sie war einfach schneller“, gibt Shiffrin unverblümt zu. Die Vorstellung, dass jemand mit „100 Prozent“ ihre 100 Prozent übertrumpft, befeuert sie. „Wenn ich denke, ich sei unschlagbar, bin ich es schon längst nicht mehr.“
Der Slalom der Frauen ist längst kein Solospiel mehr. Die Stangen stehen enger, die Kurven sind schneller, die Fehlerquoten explodieren. Shiffrin selbst spricht von einem „Niveau, wo nichts selbstverständlich ist“. Für sie ist das kein Warnschuss, sondern Musik in den Ohren. Je mehr Risiko die Konkurrentinnen gehen, desto mehr zieht sie den Schuh enger.
Den Riesenslalom nennt sie ihr „neues Lieblingsprojekt“. Seit Åre spürt sie eine Art zweiten Frühling im Ski – eine Mischung aus Leichtigkeit und Kontrolle, die sie nun nach Hafjell mitnehmen will. Dort, wo sie noch nie gefahren ist, wird sie am Samstag nicht Touristin spielen. „Ein neuer Hang ist wie ein ungelesenes Kapitel“, sagt sie. „Ich will wissen, wie die Geschichte endet.“
Die Antwort kommt am Sonntagabend. Dann steht entweder die fünfte Gesamtweltcup-Kugel in ihrem Regal – oder Emma Aicher kann mit 22 Jahren Geschichte schreiben. Shiffrin jedenfalls hat schon jetzt den Fuß aufs Gas. Das Lenkrad lässt sie nicht los.
