Sergio gasparin packt aus: vom stahlarbeiter zum italienischen top-manager

Er begann als Schichtarbeiter in einer Metallfabrik und endete als König von London: Sergio Gasparin, der Mann, der Vicenza zur Coppa Italia führte, liefert in einem rasanten Interview die besten Hinterzimmer-Geschichten des italienischen Fußballs.

Die Wende kam 1995. Nach einem Kollaps im Provino-Kabine von Prato, Herzrasen, Ohnmacht, sagte der Klub-Arzt: „Wenn du wieder trainierst, bringe ich dich selbst um.“ Gasparin hörte auf, Trainer zu sein, wurde reiner Manager – und baute das Vicenza um, das ein Jahr später den Pokal holte.

Von der werkshalle zur coppa italia

Er hatte Abendschule besucht, 100.000 Lire pro Monat an einen Kollegen gezahlt, damit dieser ihm die Frühschicht überließ, und sich nebenbei mit Fußball-Taktikbüchern vollstopfte. „Ich wollte wissen, warum Sacchi sein Milan so hoch stellt und wie Lippi die Mittellinie überspielt“, sagt er heute.

Als Pieraldo Dalle Carbonare 1995 den abstiegsbedrohten Klub übernahm, zog Gasparin mit. Budget: knapp über zwei Millionen Euro. Er löste Guidolin aus dem Vertrag beim Giorgione, stellte drei Datenanalysten ein – damals noch mit Handstopps – und verpflichtete junge Leihspieler wie Massimo Oddo. Das Ergebnis: Aufstieg, Pokalsieg, Halbfinale im UEFA-Pokal gegen Chelsea.

Der englische kühlschrank und der griechische albtraum

Der englische kühlschrank und der griechische albtraum

1998 kaufte die Londoner ENIC-Gruppe rund um Daniel Levy 99 % an Vicenza. Gasparin zog in eine Dachwohnung beim Tower Bridge, Chauffeur, Black-Card im Harrods-Foodbereich – „Ich lebte wie ein Sultan, aber die Arbeit war hart.“ Er kontrollierte vier Klubs: Slavia Prag lief wie ein Schweizer Uhrwerk, Basel lieferte sich mit dem Finanzchef Scharmützel, Athen war ein „fleischgewordener Bürgerkrieg“. Er riet zum sofortigen Verkauf. ENIC hörte, AEK wurde binnen zwei Wochen verscherbelt.

Ein Stadion-Neubau für Vicenza scheiterte an der Stadtverwaltung. „Wir hatten ein 35-Millionen-Projekt auf dem Tisch, multifunktional, mit Einkaufslounge. Der Bürgermeister lehnte ab, weil er keine Hot-Dog-Buden neben dem Theater Palladio wollte.“ Drei Jahrzehnte später sitzt der Klub immer noch im verrotteten Menti, Dach leckt, Geländer voller Rost. Gasparin lacht schulterzuckend: „Manchmal verliert man gegen die Politik, nicht gegen den Ball.“

Cassano, garrone und der gebrochene respekt

Cassano, garrone und der gebrochene respekt

2004 wechselt er zur Sampdoria. Dort erlebt er, wie Antonio Cassano Präsident Riccardo Garrone mit Stühlen bewirft. „Garrone bat ihn um zehn Minuten für einen Rotary-Abend. Cassano brüllte: ‚Ich bin dein Sklave nicht.‘ Die Stühle flogen, die Wunden heilen nicht.“ Für Gasparin der Moment, an dem er merkt: Geld spielt keine Rolle, wenn der Respekt fehlt. Er verlässt Genua, zieht durch Messina, Udinese, Catania – immer als Feuerwehrmann, nie mehr als Monarch.

Heute lebt der 74-Jährige zurückgezogen in den Euganeen, berät noch einige Klubeigner, aber nur noch von Montag bis Mittwoch. „Donnerstags spiele ich Golf, freitags koche ich für meine Enkel.“ Die Quittung für ein Leben zwischen Stahl, Stadien und Superstars: ein Pokal, vier positive Bilanzen, ein Herz, das noch schlägt – und Geschichten, die der italienische Fußball so schnell nicht wieder erleben wird.