Semper weint, leipzigs held bleibt trotzdem – vertrag bis 2030 unterschrieben

Die Nacht, in der Franz Semper sich selbst am meisten enttäuschte, endete mit einem Handschlag bis 2030. Kurz vor dem Anwurf gegen ThSV Eisenach sickerte durch: Der Nationalverlängert beim SC DHfK – unabhängig von der Liga. Dann spielte er acht Tore, machte aber genau die beiden Fehler, die den 29:29-Sieg kosteten. Die Kamera fing Tränen ein, das Mikro ein Geständnis.

„Ich schäme mich“ – der satz, der alles sagt

29 Sekunden vor Schluss warf Semper den Ball weg, 13 Sekunden später patzte auch Dejan Bombac. Eisenach glich aus, Leipzig verpasst den Befreiungsschlag. „Wir gehen voran und machen genau die Dummheiten, die man in der Kabine ausbuchstabiert bekommt“, sagt Semper, die Stimme brüchig, die Hände zittrig. Acht Treffer, beste Quote, trotzdem fühlt sich der 27-Jährige wie der Verlierer des Abends.

Die Vertragsverlängerung war eigentlich ein Seitenhieb gegen alle Abstiegsgerüchte. Leipzig schwankt auf Platz 15, doch Semper unterschreibt ein Blanko-Vordruck-Papier: bis 2030, egal ob Erst- oder Zweitliga-Zulassung. „Ich hab mich bewusst für Leipzig entschieden, für beide Ligen“, sagt er. Der Satz klingt nach Treue und nach Kampfansage – aber erstmal nach Scham.

Der derby-punkt, der niemandem hilft

Der derby-punkt, der niemandem hilft

29:29 klingt nach Remis, ist für beiten Seiten ein Schlag ins Kontor. Eisenach rutscht auf 13, Leipzig bleibt 15. – die rote Laterne leuchtet ein bisschen heller. Die HBL-Tabelle lügt nicht: Seit acht Spielen kein Sieg, nur zwei Zähler aus 24 möglichen. Für Semper persönlich steht die Bilanz bei 72 Treffern in zwölf Partien, das ist Spitzenwert in einem Team, das am Abgrund steht.

Die Szene, die sich im Mixed-Zone-Kreis wiederholt: Semper schaut nach Boden, Pressechefin Anett Sattler hält Mikro und Schulter zugleich. Er wischt sich mit dem Handrücken über das Gesicht, nicht nur wegen des Schweißes. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Man macht Fehler und schämt sich einfach.“ Das ist kein Standard-Phrasen-Sportler, das ist der Moment, in dem der Fan im Profi sichtbar wird.

Was jetzt zählt: der saison-endspurt

Was jetzt zählt: der saison-endspurt

Sechs Spiele, maximal 18 Punkte. Theoretisch reicht schon die Hälfte, um die Abstiegsrunde zu verpassen, praktisch muss Leipzig dreimal so effizient sein wie bisher. Trainer André Haber fragt nach Durchsetzungskraft, der Kader fragt nach mentaler Stärke. Semper hat sich die Antwort schriftlich gegeben – bis 2030. Ob das Papier in Liga zwei gilt, entscheidet sich zwischen jet und Mai.

Am Sonntag geht’s nach Gummersbach, dann kommt Berlin, danach Stuttgart. Die Tasks heißen: Sieg, Sieg, Sieg. Semper selbst wird wieder links auftreten, wieder Anführer sein, wieder die Bälle in den Winkel dreschen. Und er wird wieder die ersten sein, der die Hand hebt, wenn’s schiefgeht. Denn das ist der Unterschied zwischen einem Stars und einem, der bleibt: Er trägt die Schuld vor sich her – und trotzdem nicht wegläuft.

Die Leipziger Fans sangen auch nach dem 29:29 „You‘ll never walk alone“. Semper hörte es, nickte nur. Der Vertrag ist unterschrieben, die Tränen getrocknet, die Saison noch offen. Wenn am 34. Spieltag die Relegation steht, wird genau dieser Franz Semper auflaufen. Mit dem Rücken voller Nadelstiche und dem Blick nach vorn. Denn wer bis 2030 unterschreibt, der hat vor allem eins: Zeit, sich zu rächen.