Selina grotian packt nach saison-out aus: „ich habe heimlich geweint, bis die visiere beschlugen“
Die Zahlen lügen nicht: Rang 24 im Oslo-Finale, nur ein einziger Top-15-Lauf nach Weihnachten, Platz 41 in der Olympischen Verfolgung. Für Selina Grotian war die Bilanz 2025/26 ein Schlag ins Gesicht – und trotzdem spricht sie von einem „verschenkten Jahr“, nicht von einem verlorenen.
Der DSV-Nachwuchs hofft auf den Durchbruch, doch was die 22-Jährige auf Instagram als „Jahr der Zweifel“ bezeichnet, liest sich wie ein Lehrstück über Leistungssport in der Pandemie-Nachfolge. Kurz nach dem Auftakt in Östersund stoppte Corona ihren Aufwärtstrend. „Ich bin vom Fieber direkt in die Isolation gerannt, und als ich zurückkam, fehlten mir drei Wochen Wettkampfhärte – das ist im Weltcup eine Ewigkeit“, sagt sie im Gespräch mit TSV Pelkum Sportwelt.
Die angst, zu früh wieder zu schießen
Grotian schraubte sich das Gewehr auseinander, weil der Impuls zu groß war, schon beim zweiten Atemzug abzudrücken. „Ich habe Trainingserfolge von 95 % am Stand, aber im Rennen zittert die Hand, wenn der Puls bei 180 liegt.“ In Antholz patzte sie dreimal, verpasste die Punkte, schluchzte hinter der Arena in die Handschuhe. „Die Enttäuschung war so groß, dass ich dachte: Vielleicht bin ich ein Ein-Jahres-Traum, der jetzt vorbei ist.“
Doch der Ex-Junioren-Weltmeisterin gelang das, wofür andere Athleten zwei Quadrennien brauchen: Sie sicherte sich in Ruhpolding mit Platz 13 das Olympia-Ticket. „Ich bin stolz, aber der Stolz schmeckt bitter, wenn man weiß, dass man mehr kann“, sagt sie. Die Höhenluft von Milano-Cortina forderte ihren Tribut: sie verlor auf der 2,5-km-Schleife 18 Sekunden auf die beste Laufzeit, „als würde ich mit Handbremse fahren“.

„Ich habe gelernt, dass ergebnisse nicht meine identität sind“
Die Wende kam in Kontiolahti. 19. Platz, dann 17., dann Oslo-Top-20 – kleine Schritte, aber mit großer Signalwirkung. „Ich habe wieder gespürt, dass mein Körper mir vertraut“, sagt Grotian. Die Skispanne ließ sie diesmal stehen, stattdessen fuhr sie mit dem E-Bike durchs Ruhrgebiet, um „die Beine neu zu programmieren“. Der Schießcoach nahm die Zündkerze aus dem Gewehr, damit sie den Druck simulieren kann – ein Trick, den sie vom Skeleton kennt.
Für die nächste Saison hat sich Grotian ein Ziel gesetzt: „Ich will nicht mehr über die Norm reden, sondern über Podeste.“ Der Blick geht nach Oberhof, wo sie 2023 jubelte, und nach Nové Město, wo der Weltcup 2027 die Tickets für die nächste Olympiade verteilt. „Ich bin hungriger als je zuvor, denn ich kenne jetzt den Geschmack von fast-oben-und-doch-so-weit-weg.“
Die Saisonpause beginnt mit einem Tripp nach Norwegen – nicht zum Trainingslager, sondern zur Lachsfarm. „Ich brauche den Geruch von Fisch statt Schießpulver, um den Kopf frei zu kriegen“, lacht sie. Zurück bleibt eine Athletin, die weiß: Olympia war kein Happy End, sondern nur Kapitel eins.
