Schlickenrieder gesteht: „wir haben die männer kaputttrainiert“
Peter Schlickenrieder spricht es aus, was im DSV-Zirkel seit Monals schwelt: Die deutschen Langlauf-Männer lieferten sich selbst aus. Zu viele hochintensive Einheiten, zu früher Höchststand – und dann nichts als Leere. „Wir haben den Bogen überspannt“, sagt der Bundestrainer im Gespräch mit der Sportschau. Die Folge: Friedrich Moch verpasste in 21 Weltcup-Rennen die Top 10, die Olympia-Staffel wurde Achte. Ein Desaster für den einstigen Hoffnungsträger.
Der sommer war zu gut, der winter zu leer
Die Trainingsdaten glühten. Testlauf um Testlauf lief Moch unter die 25 Minuten auf zehn Kilometern, die Laktatwerte schmiegten sich an die Elite heran. „Wir waren euphorisch“, erinnert sich Schlickenrieder. Doch Ende Oktober brach das System zusammen. Die Muskulatur meldete sich, die Regeneration stockte. „Wir waren in Höchstform – nur drei Monate zu früh.“ Die Energie war verbraucht, bevor der erste Schnee fiel.
Statt die Last zu drosseln, setzte das Trainerteam nach. „Wir wollten einen Tick zu viel“, sagt Schlickenrieder. Die Athleten liefen sich in die Übertraining-Falle. Die Herzfrequenz blieb nachts erhöht, die Sprungkraft sank. „Wir haben schlechte Entscheidungen in Serie getroffen“, räumt der 56-Jährige ein. Die Athleten spürten es, sagten aber nichts. „Sie wollten die Olympia-Form nicht riskieren.“

Frauen als gegenentwurf: individuell statt kollektiv
Während Moch & Co. einbrochen, liefen Laura Gimmler und Coletta Rydzek zu Bronze im Teamsprint. Der Unterschied: Die Frauen arbeiteten mit periodisierten Mikrozyklussen, sprachen sich untereinander ab, nahmen sich frei, wenn der Körper protestierte. „Sie haben sich emanzipiert“, sagt Schlickenrieder. Bei den Männern herrschte dagegen Kollektivzwang – bis zum Kollaps.
Der Coach kündigt an, dass nächste Winter „definitiv“ anders wird. Keine Hochintensiv-Wochen mehr im September, stattdessen spätere Peak-Termine und offene Kommunikation. „Fehler darf man nur einmal machen.“

Keck als neue leitplanke
Hoffnungsträger heißt nun Elias Keck. Der 22-jährige Junioren-Weltmeister gewann in Lillehammer Gold und Silber. „Er hat das Potenzial, ein neuer Moch zu werden“, sagt Schlickenrieder. „Aber er braucht Niederlagen, um zu lernen.“ Die will man ihm im U23-Bereich gönnen, bevor er an die Spitze rückt.
Die Lehre: Auch im Social-Media-Zeitalter, wo jeder Trainingswatt sofort öffentlich wird, zählt nur die Kreuzung aus Daten und Bauchgefühl. Schlickenrieder blickt nach Lake Placid, wo am Wochenende das Weltcup-Finale steigt. „Dort wollen wir wenigstens ein kleines Ausrufezeichen setzen.“ Der große Schrei soll 2027 kommen – wenn die Männer wieder laufen, statt zu rennen.
