Schlag ins gesicht: wie hitler österreichs wm-traum zerstörte

Wien, März 1938 – Einem Skandal, der bis heute in den Geschichtsbüchern steht, ging Österreichs Fußball-Nationalmannschaft voraus: Nur wenige Tage vor dem Einmarsch der Wehrmacht in Österreich wurde der Traum von der Weltmeisterschaft in Frankreich jäh beendet. Ein Machtwechsel, der nicht nur die politische, sondern auch die sportliche Landschaft des Landes für immer verändern sollte.

Die suche nach dem verlorenen wunderteam

Die "Generation Wunderteam", die 1934 noch als Vierter bei der WM glänzte, hatte längst an Glanz verloren. Matthias Sindelar, einst der gefeierte "Papiere“, litt unter gesundheitlichen Problemen, und auch andere Stars wie Karl Sesta und Verbandskapitän Heinrich Retschury waren nicht mehr in Bestform. Der ÖFB, unter der Leitung von Präsident Dr. Richard Eberstaller, suchte verzweifelt nach einer Lösung, um das Team wieder auf Kurs zu bringen.

Die Suche führte zunächst nach Irland. Der Verband stand kurz davor, einen irischen Teamtrainer für die WM zu engagieren. Doch dieser Plan scheiterte am politischen Beben, das sich anbahnte. Der Einmarsch Adolf Hitlers in Österreich am 12. März 1938 machte alle sportlichen Überlegungen zunichte.

Der schweizer riegel und die neun "ostmärker"

Der schweizer riegel und die neun "ostmärker"

Die Qualifikation für die WM war hart erkämpft worden. Ein mühevoller 2:1-Sieg gegen Lettland, unter der Leitung des von Österreichers Rudolf Stanzel betreuten Mannschaft, hatte den Weg nach Frankreich geebnet. Doch in Wien scheiterte Großdeutschland am "Wiener Rappan“ und seinem berühmt-berüchtigten Schweizer Riegel. Neun "Ostmärker“ – Spieler aus Wien – standen auf der deutschen Seite, ein bitteres Dilemma für die österreichische Fußballseele.

Torhüter Rudi Raftl, einer der wenigen Lichtblicke in der "großdeutschen" WM-Elf von 1938, konnte den drohenden Untergang nicht verhindern. Die Niederlage gegen die Schweiz markierte das Ende einer Ära und den Beginn einer dunklen Zeit für den österreichischen Fußball.

Donnelly – der trainer, der nie war

Donnelly – der trainer, der nie war

Im Angesicht der bevorstehenden Auslosung in Paris und unter dem Druck der National-Liga-Vereine suchte der ÖFB verzweifelt nach einem geeigneten Mann. Die Wahl fiel auf James Donnelly, einen Iren, der zuvor bei Ambrosiana-Inter (dem heutigen Inter Mailand) als Technischer Berater tätig war. Seine Ankunft in Wien erfolgte jedoch im Chaos. "Es war nicht leicht, ihn im Strom der Ankömmlinge zu agnoszieren, da nur ein sehr beiläufiges Signalement vorlag“, berichtete das Sport-Tagblatt.

Donnelly bevorzugte das traditionelle Fünf-Stürmer-Spiel (2-3-5) gegenüber dem moderneren 3-2-2-3 System, was seine Chancen auf eine erfolgreiche WM-Kampagne weiter schmälerten. Bevor er überhaupt richtig Fuß fassen konnte, hatte Hitler Österreich annektiert und Donnelly kehrte nach Mailand zurück, angeblich um seine "privaten Verhältnisse zu ordnen".

Dr. Eberstaller, der inzwischen zum Parteigenossen ernannt worden war, reiste daraufhin nach Berlin, um seine Instruktionen von den neuen Machthabern zu erhalten. Die Liquidation des ÖFB und der Anschluss an den DFB waren nur noch Formsache.

Ein bitteres vermächtnis

Ein bitteres vermächtnis

Die neun Wiener, die in den Farben Großdeutschlands bei der WM antraten – Raftl, Schmaus, Hahnemann, Neumer, Pesser, Skoumal, Stroh, Wagner und der SA-Offizier Mock – erhielten zwar eine bescheidene Entschädigung von drei Dollar pro Tag, doch der bittere Nachgeschmack des Verrats blieb. Hans Pesser schrieb mit seinem Platzverweis als erster deutscher Spieler bei einer WM-Endrunde eine unrühmliche DFB-Geschichte.

Die Geschichte von Österreichs verhinderter WM-Teilnahme ist ein mahnendes Beispiel für die Macht des Nationalsozialismus und die Zerstörungswut, die er auch im Sport entfachte. Die Spieler und Funktionäre wurden zu Marionetten eines Regimes, das den Fußball für seine eigenen Zwecke missbrauchte. Ein Kapitel, das die österreichische Fußballgeschichte bis heute überschattet.