Sararer kehrt nach 539 tagen zurück und schleppt ksv kassel aus der krise
Sercan Sararer ist wieder da. Nach 539 Tagen Zwangspause, nach einer zweiten Operation, nach endlosen Stunden in Reha-Kellern und auf leeren Laufbahnen, stand er am Samstag im strömenden Regen des Auestadions und spürte Gänsehaut – nicht wegen des Wetters, sondern wegen des Applaus von 1.800 Kehlen, die seinen Namen sangen.
Die nummer 10 kommt – und mit ihr die hoffnung
Die Szene war kurz, nur 13 Minuten plus Nachschlag, doch sie reichte, um ein ganzes Stadion zu erlösen. In der 81. Minute wechselte Trainer René Klingbeil seinen jungen Flügelflitzer Phinees Bonianga aus, hielt die Tafel mit der 10 in die Höhe – und der Regen schien für einen Moment stillzustehen. Sararer lief ein. Er sprinte, dribbelte, gab einen Ball ab, der fast das 3:1 hätte sein können. Die Nordhessen führten bereits 2:1 gegen Schott Mainz, doch es war seine Anwesenheit, die das Laken der Verunsicherung riss.
Die Zahlen sind hart: KSV Hessen Kassel ist seit der Winterpause ein anderes Team. Die 1:2-Pleite beim Sechstligisten Germania Ober-Roden im Hessenpokal war nur der Startschuss einer Serie, in der Selbstvertrauen verflüchtigt und Punkte liegengeblieben sind. Sararer weiß, wie das Spiel ist. Er war 34, als ihn das Foul von Steinbach Haiger traf. Jetzt ist er 36, und sein Vertrag läuft am 30. Juni aus. Zeit ist ein Rohstoff, den er nicht mehr hat.

Die zweite operation war die leise falle
Was kaum jemand bemerkte: Im Mai 2025 musste Sararer erneut unters Messer. Narbengewebe. Ein kleiner Eingriff, der große Wellen schlägt. „Die Ungewissheit, ob das Knie hält, war jeden Tag da“, sagt er, während er sich nach dem Spiel die Haare aus dem Gesicht streicht. „Aber ich wollte zurück, egal wie.“ Seine Stimme bricht nicht, sie ist rauer geworden, wie nach einem langen Winter.
Die Türkei hat ihn zwölfmal gerufen, der VfB Stuttgart und Greuther Fürth haben ihn Bundesliga-Luft schmecken lassen. Doch jetzt geht es ums pure Überleben in der Regionalliga Südwest. Kassel liegt im Tabellenmittelfeld, aber das reicht nicht, wenn die Seele krankt. Sararers Aufgabe: die Jungs wie Bonianga, Luca Löhr oder Maurice Hehne an die Hand nehmen, ihnen zeigen, dass eine Niederlage in Ober-Roden nicht das Ende ist, sondern nur ein Schritt.

13 Minuten, die mehr wert sind als drei punkte
Am Ende zählt die Tabelle. Doch an diesem Samstag zählte auch der Moment. Sararer hatte zwei Ballkontakte, die das Publikum aufstehen ließen. Ein Solo über halblinks, ein Zuspiel in die Tiefe. Es blieb beim 2:1, aber es hätte auch 3:1 sein können. „Ich will nichts überstürzen“, sagt er, „aber 20, 30 Minuten sind drin, wenn das Knie mitspielt.“
Die Rückennummer 10 steht für Spielmacher, für Anführer, für jene, die in kritischen Sekunden die Kugel an sich binden. Sararer trägt sie nicht zufällig. Er trägt sie, weil er bereit ist, Verantwortung zu übernehmen – auch wenn sie nur 13 Minuten dauert. Die Saison ist noch lang, der Abstand zum Abstiegsrang klein. Aber wer Sararer beim Abpfiff stehen sieht, wie er die Daumen nach oben streckt und die Kurve anlächelt, der weiß: Manchmal reicht ein einziger Mensch, um ein ganzes Stadion wieder aufzurichten.
