Sanremo und fomo: warum millionen nicht abschalten können
Jedes Jahr dasselbe Phänomen: Millionen Italiener kleben vor dem Bildschirm, obwohl sie vielleicht gar keine besondere Leidenschaft für Schlager oder Glitzeroutfits hegen. Das Festival di Sanremo ist längst kein reines Musikevent mehr. Es ist ein kollektiver Sog, dem man sich kaum entziehen kann, ohne das Gefühl zu haben, irgendwo draußen zu stehen, während drinnen die Welt weiterläuft.
Was die psychologie hinter dem sanremo-rausch steckt
Psychologen haben dafür einen Begriff: FOMO, die Fear of Missing Out. Auf Deutsch: die Angst, etwas zu verpassen, das gesellschaftlich relevant ist. Und genau hier liegt der Kern des Ganzen. Wer am nächsten Morgen nicht mitreden kann, wer den viralen Moment nicht gesehen hat, den Ausrutscher backstage oder den Meme, der sich über Nacht hunderttausendfach verbreitet hat, der fühlt sich schlicht abgehängt. Das ist kein Luxusproblem. Das ist Psychologie.
Das Festival funktioniert dabei nach dem gleichen Mechanismus wie Olympische Spiele oder eine Fußball-WM: Es überschreitet seine eigenen Grenzen. Es geht nicht mehr nur um das, was auf der Bühne im Ariston-Theater passiert. Die eigentliche Handlung spielt sich parallel dazu in sozialen Netzwerken ab, in Storys, Reels, Kommentarspalten und Gruppenunterhaltungen. Wer dort nicht präsent ist, existiert für diesen Moment schlicht nicht.
Digitale sichtbarkeit als selbstzweck
Das ist das Entscheidende, was viele unterschätzen: Online-Sichtbarkeit ist längst keine Begleiterscheinung mehr von realen Erlebnissen. Sie ist das Ziel selbst. Ein Foto vom Fernseher mit dem richtigen Hashtag zur richtigen Zeit kann mehr soziales Kapital einbringen als das eigentliche Zuschauen. Die Plattformen wissen das. Ihre Algorithmen sind darauf ausgelegt, genau diesen Kreislauf am Laufen zu halten.
Studien belegen eine klare Korrelation zwischen intensiver Social-Media-Nutzung und ausgeprägter FOMO, mit spürbaren Folgen für Konzentration, Arbeitsleistung und allgemeines Wohlbefinden. Besonders bei jüngeren Generationen zeigt sich das im sogenannten Phubbing, dem Reflex, das Smartphone gegenüber echten Gesprächen zu bevorzugen. Nicht weil das Gerät so interessant wäre. Sondern weil die Angst, den nächsten viralen Moment zu verpassen, größer ist als der Wunsch, präsent zu sein.

Wenn likes zum maßstab für persönlichen wert werden
Hier wird es heikel. Wenn Herzchen und Klickzahlen anfangen, als Gradmesser für sozialen Erfolg zu gelten, gerät etwas aus dem Gleichgewicht. Negative Rückmeldungen oder das schiere Gefühl der Ausgrenzung können Stress auslösen, der weit über das Digitale hinausgeht. Der ständige Vergleich mit idealisierten, oft völlig unrealistischen Darstellungen anderer befeuert Angst und treibt den Konsum weiter an.
Das Problem sind nicht die sozialen Medien als solche. Sie sind, nüchtern betrachtet, nichts anderes als moderne Kommunikationswerkzeuge. Das Problem entsteht dort, wo der Algorithmus beginnt, Selbstwertgefühl und Zugehörigkeitsgefühl systematisch zu untergraben. Und das passiert schneller, als die meisten merken. Sanremo ist dabei nur das sichtbarste Beispiel eines Mechanismus, der das ganze Jahr über läuft, still und unbemerkt, in jeder Hosentasche.
