Sabine schmitz: die frau, die die grüne hölle bezwingt und nie aufgab

Fünf Jahre tot, unsterblich auf Asphalt. 33.000 Runden hat Sabine Schmitz in der Nordschleife gedreht, heute würde sie 56 sein – und wahrscheinlich noch immer Gas geben, bis das Heck tanzt.

Es ist der 16. März 2026, und die Boxengasse auf dem Nürburgring summt wie ein Bienenkorb. Nicht wegen des Testtages, sondern weil alle Mechanikerkolonnen diesen Tag kennen: den Todestag der Königin der Nordschleife. Keine andere Stimme hat die Strecke so laut gemacht wie ihre. Kein anderer Name steht auf so vielen Bierdeckeln in der Eifel.

1996: Das jahr, in dem die hölle ein tor für frauen aufmachte

Mit 27 Jahren fuhr Sabine Reck – damals noch unter dem Namen ihres ersten Mannes – in einem BMW E36 M3 die Konkurrenz in Grund und Boden. 24 Stunden lang. Sie schlief nicht, sie riss sich das Steuer nicht los, sie ließ den Tankwart ran, während sie selbst den Helm nicht abnahm. Am Ende stand 511 Runden und ein Eintrag im Guiness-Buch, der bis heute unangetastet ist: erste und einzige Frau, die das 24-Stunden-Rennen auf dem Ring gewann. Ein Jahr später wiederholte sie den Coup – und schickte eine ganze Generation von Hobby-Rennfahrern in die Fahrpraxis, weil sie bewies: Geschlecht ist kein Bremsschlauch.

Die Zahren sprechen für sich: 1996 war das Starterfeld 177 Autos stark. 177 männliche Teams, ein weiblicher Beifahrer. Sie gewann trotzdem. Was danach passierte, war keine PR-Show, sondern blanker Zwang. Die ADAC-Reglementschreiber verschärften die Mindestgewichtsgrenze für Fahrerinnen – ausgerechnet in der Klasse, in der Schmitz fuhr. Sie lachte damals nur: „Dann nehme ich eben ‘ne dicke Jacke mit.“

Hotel, haarspalterei, himmelstempo

Hotel, haarspalterei, himmelstempo

Adenau, Ortsteil Nürburg. Das Hotel Tiergarten, Zimmer 14, Blick auf die Schikane. Dort wuchs Sabine auf, zwischen dampfenden Reifen und kochendem Kaffee. Ihre Mutter servierte Spaghetti Bolognese an Niki Lauda, ihre Schwester buchte Zimmer für Bernd Rosemeyer-Fans, und sie selbst lernte, zu schrauben, bevor sie laufen konnte. 20.832 Meter Asphalt, 33.000 Runden – das summiert sich auf 687.000 Kilometer, fast 17 Erdumrundungen. Und keine einzige davon ohne Anschluss an das Gaspedal.

Doch der Ring gab, der Ring nahm. 2017 diagnostizierten die Ärzte ein fortgeschrittenes Vulvakarzinom. Chemo, septischer Schock, künstliches Koma. „Ich sollte wohl in die Hölle, das war nicht so schön“, sagte sie später. „Die ‚Grüne‘ wäre ja noch gegangen.“ Sie kämpfte sich zurück, fuhr 2019 sogar wieder Rennen im Porsche 911 GT3 R. Dann der Rezidivschlag 2020. Am 16. März 2021 verlor sie. Die Nordschleife schwieg für 24 Stunden. Kein Touristenfahrten, keine Rollouts – nur Motorenmurmeln, das sich anhörte wie Weinen.

Die kurve trägt ihren namen – und das team ihren willen

Die kurve trägt ihren namen – und das team ihren willen

Herbst 2021. Motorsport-Ministerium, Nürburg. Die Sabine-Schmitz-Kurve wurde eingeweiht, Linksknick vor der Flugplatzschikane. Ihre Schwester betrat das Podest mit einem Schraubenschlüssel als Brosche. Keine Trophäe, keine Medaille – nur ein Schild aus Blech, das klingt, wenn der Wind geht. Ein halbes Jahr später holte Frikadelli Racing den Gesamtsieg beim 24-Stunden-Rennen – erstmals, unerwartet, mit Tränen im Kommandostand. Klaus Abbelen, zweiter Ehemann und Fleischfabrikant, sagte nur: „Sabine hat von oben Gas gegeben.“

Die Bilanz bleibt messerscharf: zwei Gesamtsiege, eine Langstrecken-Meisterschaft, ein TV-Format, das selbst Jeremy Clarkson respektvoll machte, und ein Ruf, der lauter ist als jeder Auspuff. Sie lehrte uns, dass Grenzen keine Kurven sind, sondern Bremsspuren, die man ausfährt, wenn man nur lang genug Vollgas gibt.

Heute, fünf Jahre später, drehen wieder Touristen ihre Runden. Jemand überholt auf der Döttinger Höhe, der Blinker links, 200 Sachen. Im Radio knistert es: „Streckenfrei, Königsstuhl, nächster Fahrer bitte.“ Wer genau lauscht, hört fast ein Lachen – das von jemandem, der wusste: Asphalt brennt nicht, er erinnert. Und die grüne Hölle hat fortan eine Himmelstür.