Rosolino läuft durch rom: olympiasieger trainiert jetzt fürs leben

Er war der Wassergott von Sydney, heute zieht er seine Laufschuhe an der Laterne an. Massimiliano Rosolino, 44, Olympia-Gold von 2000, bewegt sich weiter – nicht mehr für Medaillen, sondern für den Moment, in dem sein Puls auf 140 springt und der Kopf leer wird.

Der multivan wird zur umkleide, der parkplatz zur kabine

In Rom ist das Auto sein Clubhaus. Der Volkswagen Multivan e-Hybrid 4Motion steht auf dem Lungotevere, Heckklappe offen, Badehandtuch über der Stoßstange. Rosolino wechselt die Schuhe, legt die Schwimmbrille ins Fach, schließt die Tür – und rennt los. Kein Team, kein Trainer, kein Timing. Nur ein Mann, der die Stadt nutzt, als wäre sie ein riesiges Kraftwerk.

„Früher war jede Trainingseinheit ein Krieg“, sagt er, während wir an der Engelsburg vorbeilaufen. „Heute ist sie ein Geschenk.“ Die Strecke führt über Kopfsteinpflaster, vorbei an Touristen, die Selfies schießen, ohne zu wissen, dass neben ihnen ein ehemaliger Weltrekordhalter im 5-Minuten-Tempo joggt. Er lächelt, winkt, läuft weiter. Die Distanz zwischen Ikone und Normalo beträgt hier genau einen Schritt.

Stoppuhr weg, wille bleibt

Stoppuhr weg, wille bleibt

2004 in Athen zerbrach sein Traum an der 200-m-Lagen-Bahn. Vier Jahre später war er wieder da, Bronze. Er erzählt das, als redete er von jemand anderem. „Die Niederlage war ein Schnitt, keine Wunde. Sie hat mir gezeigt, dass ich ohne Sieg existiere.“ Das klingt nach Psychologie-Buch, ist aber ehrlich. Sein Geheimnis: Er hat die Trainingsstunden gezählt, nicht die Pokale. „10 000 Stunden sind kein Mythos, das ist Mathe. Und ich habe 15 000 gebraucht.“

Heute sind es 45 Minuten Laufen, 30 Minuten Kraft, 20 Minuten Dehnung. Kein Wettkampf, kein Ranking. Trotzdem steht er um 6 Uhr auf, weil der Körper es verlangt. „Wenn ich nichts täte, würde ich den Tag verschenken.“ Die Disziplin ist geblieben, nur der Feind hat einen Namen bekommen: Sedentarität.

Der neue rosolino lehrt, was der alte versteckte

Der neue rosolino lehrt, was der alte versteckte

Zwischen den Trainingseinheiten sitzt er im Pinienzwischen des Borghese-Gartens und gibt Schwimmkurse an Kinder, die ihn nicht kennen. Er zeigt ihnen, wie man die Hand zur Schaufel macht, ohne zu sagen, dass er einst diese Bewegung olympisch perfektioniert hat. „Ich will, dass sie das Wasser lieben, nicht mich.“ Dabei profitiert er vom Trick, den jeder Profi kennt: Wer lehrt, versteht sich selbst besser.

Abends fährt er mit dem Multivan zurück nach Trastevere. Der Akku zeigt 18 km Restreichweite, das Thermometer 23 Grad. Er parkt, schaltet den elektrischen Modus ein, lässt die Fenster offen. Die Colosseum-Beleuchtung spiegelt sich in der Frontscheibe. „Ich bin kein Ex-Champion“, sagt er. „Ich bin ein Athlet mit anderem Ziel.“ Dann klappt er die Sitze um, legt sich hin und schläft eine halbe Stunde. Der Wagen wird zum Schlafzimmer, die Stadt zur Arena – und der Mann, der einst für Gold schwamm, atmet so tief, als zöge er noch immer Wasser durch die Lungen. Der Unterschied: Heute kommt keine Foto-Finish-Kamera mehr.