Riera: der undurchschaubare, der frankfurt umbaut

Albert Riera kniet im Sechzehner, Stirn in Falten, Blick wie ein Laser. Minutenlang. Kein Jubel, kein Wutausbruch – nur diese Stille, die lauter ist als jede Ansage. Seit 42 Tagen ist der Spanier Eintracht-Coach, und noch immer rätselt die Bundesliga: Wer ist dieser Mann, der mit Haien und kopflosen Hühnern kokettiert, aber seine wahren Pläne hinter zahnlosen Pressekonferenzen versteckt?

Blut riechende haie statt taktik-blätter

Die Inthronisation war ein Feuerwerk. Riera sprach von Toren, die „nach Blut riechen sollen“, von Spielern, die „wie kopflose Hühner“ wirken dürfen. Journalisten schauten sich an, tippten hektisch, fragten sich: Ist das ein Messias oder ein PR-Genie? Die Antwort liegt in der Zwischenbilanz: vier Gegentore in sechs Spielen – die beste Defensive der Rückrunde –, aber nur neun Punkte aus fünf Partien. Ein Schock für Anhänger, die sich nach den Toppmöller-Jahren endlich wieder Tor-Kaskaden gewöhnt hatten.

Intern herrscht Klarheit, zumindest vorgeblich. Riera bestimmt Sprache, Uhrzeit, Gangrichtung. Pressekonferenz auf Englisch? Passt. Training um 7:23 Uhr? Läuft. „Er will keine Roboter, aber auch keine Rebellen“, sagt ein Staff-Mitarbeiter. Jeder Spieler solle „seine kleine DNA“ einbringen – solange sie in Rieras Genom passt. Pünktlichkeit ist Pflicht, Kreativität ein Bonus, der schnell wieder eingekassigt wird, wenn das Ergebnis stutzt.

Verschiebepuzzle statt startelf

Verschiebepuzzle statt startelf

Die Zahlen sind schonungslos. Gegen St. Pauli wechselte Riera in 72 Stunden dreimal die Systematik. Ritsu Doan war rechts, dann zentral, dann draußen. Nathaniel Brown spielte Sechser, dann Linksverteidiger, dann wieder „freies Übergangsmodell“. Arnaud Kalimuendo avancierte vom Stürmer zum Not-Linksverteidiger, weil Riera „mehr Ballprogression“ verlangt. Das Ergebnis: 1,12 erwartete Tore pro Spiel – Abstiegsniveau. Die Spieler wirken wie überfrachtete Schachfiguren, die vergessen haben, ob Springer oder Läufer angesagt ist.

Die Videoanalyse hat neue Dimensionen erreicht. 45-minütige Einheiten sind keine Seltenheit, danach folgen Einzelgespräche, in denen Riera Situationen bis ins Detail zerlegt. „Er sieht Dinge, die wir nicht mal im Stadion wahrnehmen“, schwärmt ein Youngster. Kritiker murren: Zu viel Kopf, zu wenig Bauch. Die Mannschaft tritt wie ein Excel-Tabellen-Fußballer auf, der vergessen hat, dass das Runde muss ins Eckige – und nicht in die Power-Point.

Transfer-wunschliste statt sommersonne

Transfer-wunschliste statt sommersonne

Riera hat schon signalisiert, dass der Kader „nicht final“ ist. Kein Sommer-Trainingslager, keine Winter-Transfers – das sei „wie Schach ohne Türme“. Die Geschäftsführung spürt Druck. Jonathan Burkardt und Ritsu Doan waren erst der Anfang. Intern kursiert eine Liste mit fünf Namen, darunter zwei Sechser, die „Raum dehnen und komprimieren“ können, sowie ein linksfüßiger Außenbahnspieler mit „Progressions- und Pressing-Quotient über 73“. Zahlen, Daten, Fakten – statt Emotionen.

Am 19. Mai entscheidet sich, ob die Eintracht international spielt oder nicht. Für Riera ist das Datum egal. „Prozess“ lautet sein Zauberwort. Aber Prozesse kosten Punkte, und Punkte kosten Millionen. Die Fans werden nicht ewig auf „wir bauen um“ warten. 50.000 gegen Heidenheim pfeigten in der 80. Minute, als erneut ein Angriff im Nebel der Positions-Rotation versickerte.

Fazit: Albert Riera ist der Architekt eines Hauses, das er erst im Kopf fertig hat. Ob das Fundament hält, wenn die Stürme der Bundesliga kommen, weiß niemand. Sollte es einstürzen, wird er vermutlich wieder in der Hocke knien – Stirn in Falten, Blick wie ein Laser – und sich fragen, warum keiner die Anleitung gelesen hat. Frankfurt wartet, die Uhr tickt, und der Undurchschaubare schweigt, bis die nächste Metapher reift.