Reiter kocht nach medaillen-flaute gar keine katastrophe und das irritiert
Tobias Reiter lacht, obwohl die Zahlen laut schreien: Null Siege, keine Goldmedaille, Platz vier in der Olympia-Staffel. Der Bundestrainer der DSV-Männer zieht eine Bilanz, die klingt, als hätte er eine andere Saison gesehen als der Rest des Landes.
„Ich bin nicht so unzufrieden“ – das sagt nur, wer sich neue maßstäbe erfindet
Die Formel ist simpel: Wer die Erwartungen senkt, kann sogar eine Null-Siege-Saison als Fortschritt verkaufen. Reiter zählt auf: mehr Podestplätze als 2024, mehr Punkte in der Nationenwertung, vier Top-16-Sprints in Oberhof – Statistik-Schnipsel, die warm klingen, solange man die Medaillen vergessen kann. Der 40-Jährige betont, dass sich alle acht Top-Athleten „in Teilbereichen“ gesteigert hätten. Das klingt nach Leistungsbericht statt nach Leistung.
Der Blick in die Detailanalyse offenbart das Dilemma: Auf dem Schießstand kollidierte Nervosität mit Anspruch. Olympia wurde zur großen Enttäuschung, weil jeder einzelne Läufer „es ganz besonders machen“ wollte. Am Ende stand der vierte Platz – eine Positionsnummer, die keiner wiederholen will, aber jeder kennt.

Italiens giacomel-modell: ein ein-mann-prinzip, das reiter kopieren will
Der Bundestrainer nennt Tommaso Giacomel als Vorbild: Ein Athlet, der vorne startet, während der nächste Italiener irgendwo hinter Platz 20 durch die Loipe brettert – und keinen interessiert es. Reiters Fazit: „Was uns fehlt, ist dieser eine Top-Athlet, der alles zudeckt.“ Er spricht offen aus, was früher Tabu war: Deutschland braucht einen Solo-Star, der das Team trägt, statt eines ganzen Rudels, das sich gegenseitig auf Podest-Niveau hält.
Die Suche nach dem „einen“ wird zur Chefsache. Reiter will ihn „rausentwickeln“, wie man einen neuen Impfstoff entwickelt: mit Laboren, Daten, Wissenschaftlern. Seit seinem Amtsantrag vor zwölf Monaten hat er Biomechaniker und Sportpsychologen ins Tagesgeschäft integriert. Sie filmen, messen, werten aus – auf Knopfdruck liegen Schieß- und Laufanalysen vor. Reiters Versprechen: „Zaubern kann man nicht, vor allem nicht im Ausdauersport.“ Aber mit genug Datenblättern lässt sich wenigstens die Illusion von Kontrolle erzeugen.

Keine job-angst, aber ein neuanfang ohne zauberstab
Während die Frauen-Trainerriege komplett gewechselt wird, plant Reiter weiter. Sein Vertrag läuft, die Tendenz sei klar, sagt er und klingt dabei wie ein Mann, der gerade erst angefangen hat. Er weiß: Ohne Medaillen wird die Geduld knapp. Die nächste Saison beginnt im November, die Konkurrenz schläft nicht und die Zeit für „rausentwickeln“ wird schon wieder ein Jahr kürzer.
Reiter verlässt das Interview mit einem Satz, der so ehrlich ist, dass er weh tut: „Veränderungen sind ja zunächst nichts Negatives.“ Darin steckt die ganze Ratlosigkeit des deutschen Herren-Biathlons: Man muss sich verändern, weil Stillstand noch weniger Medaillen bringt. Aber ob die Wissenschaft den Sprung aufs Podest rechnen kann, wird erst die Loipe von Kontiolahti zeigen. Bis dahin zählt nur eine Zahl: null Siege – und ein Bundestrainer, der daraus kein Drama, sondern einen Entwicklungsplan macht.
