Rainer schüttler schlägt das halbe jahrhundert – und will bloß keinen kuchen

Korbachs berühmtester Sohn hat Samstag seinen 50er gepackt – und droht schon morgens mit dem Rücktritt von jeder Feier, die mehr als acht Gäste zählt. „Wenn jemand mit Luftballons um die Ecke kommt, schmeiße ich den Tennisschläger“, sagt Rainer Schüttler am Telefon. Der Ton ist halb Spaß, halb Ernst. Der „Shaker“ bleibt sich treu: Er hasst Tamtam, liebt Routine.

Die Zahl klingt wie ein weit zurückliegender Tie-Break, ist aber heute Realität. Dreißig Jahre nach seinem ersten ATP-Punkt und siebzehn Jahre nach dem Wimbledon-Halbfinal gegen Rafael Nadal sitzt Schüttler am Zürichsee, schaut aufs Wasser und zählt keine Titel, sondern seine Länderspiele als Fed-Cup-Chef. 50 Jahre, vier Einzel- und vier Doppeltitel, Rang 5 der Welt, einmal Slam-Final – das ist die trockene Bilanz. Die andere Geschichte spielt sich hinterm Geländer ab: Akademie in Offenbach, Schweizer Tennis-Events, drei Kinder, die dort zur Schule gehen, wo er früher nur seine Schläger bespannen ließ.

Warum bad homburg nur eine episode blieb

Ein Umzug zurück nach Hessen stand tatsächlich auf dem Tablett, konkret nach Bad Homburg, mitten in die hessische Tennis-Hochburg. Die Kinder haben Freunde, der Hesse Ebbelwoi im Blut. Doch die Schweiz bietet das, was Deutschland nicht liefert: „Ruhe und Terminkalender, die sich nicht gegenseitig fressen“, sagt Schüttler. Also blieb die Familie, und er fliegt nur noch kurz rüber, wenn die Lufthansa gerade einen Sitzplatz in Reihe 1 frei hat.

Was er vermisst? Handkäs mit Musik, diese kleine, stinkende Käseplatte, die man in Korbach frühstückt, wenn der Rasen noch feucht ist. „Den Geruch kriegst du in keinem Supermarkt der Welt“, lacht er. Auch die Stimme seines Großvaters, der früher an der Waldau zusah, wenn er als Zwölfjähriger gegen Erwachsene ballerte. Der ist 2010 verstorben, aber an jedem 25. April, seinem Geburtstag, trägt Schüttler noch immer das alte Korbacher Turniert-Shirt unter dem Polo.

Agassi, nadal und das finale, das nie eine revanche bekam

Agassi, nadal und das finale, das nie eine revanche bekam

Melbourne 2003: 6–2, 6–2, 6–1 gegen Agassi. Klingt brutal, war auch so. Schüttler spricht heute von „einem Tag, an dem mein Aufschlag keine Spur im Sand hinterließ“. Dennoch: Das Match machte ihn zum Hausnamen, die Siegprämie finanzierte die erste Eigentumswohnung in Schweizer Franken. Fünf Jahre später der Nadal-Halbfinal in Wimbledon, vier Sätze, 4:6 im vierten. „Ich hatte Break im vierten Satz, dann kam ein Windstoß, der mein Haar in die Augen wehte. Klingt nach Ausrede, war aber so.“ Keine Revanche mehr, weil er nie wieder so weit kam. Keine Träne, nur ein Nicken. Typisch Schüttler.

Heute coacht er hin und wieder Junioren, vor allem aber sich selbst: 6:00 Uhr joggen, 7:00 Uhr Kids aus dem Bett kratzen, 8:00 Uhr erste Mails zur Genfer Turnierplanung. Der Körper zeigt keine Patina, nur die Knie knarzen beim Aufstehen. „Ich wiege zwei Kilo mehr als 2003, dafür schlafe ich acht Stunden“, sagt er. Die Lebenserwartung von Ex-Profi-Herzen liegt bei 82 Jahren. Schüttler tippt auf 90 – „wenn ich bloß keine Überraschungsparties kriege“.

Die einzige warnung gilt dem schwarzwälder kirsch

Die einzige warnung gilt dem schwarzwälder kirsch

Statt Gäste kommen nur Anrufe: Becker, Kiefer, Haas. Keiner wagt es, vorbeizufahren. Die Familie hat sich auf Raclette geeinigt, ohne Dessert. „Wenn meine Frau einen Kirsch mitbringt, lasse ich das Haus“, droht er. Die Nachbarn am Zürichsee wissen Bescheid: kein Feuerwerk, keine Dudelsack-Polonaise. Nur das leise Plätschern des Sees und vielleicht ein Glas Riesling, den er selbst importiert hat – aus dem Rheingau, versteht sich.

50 ist für ihn keine Zahl, sondern eine Service-Statistik: 682 Matches auf der Tour, 424 Siege, 1.067 Tage in den Top 100. „Ich habe mehr Tage als Profi verbracht als die meisten Leute im Büro“, rechnet er vor. Und morgen? Geht die Uhr weiter, ohne Fanfare. Kinder zur Schule, Turnier-Anmeldungen öffnen, ein schneller Blick auf die ATP-Website. Rainer Schüttler wird älter, aber nicht lauter. Der einzige Countdown, der ihm bleibt: bis zur 60 vor dem Komma – und bis zum nächsten Handkäs mit Musik.