Raimund wirft die ski in den schnee – naito gewinnt im chaos von holmenkollen
Oslo – Der Wind riss, die Fahnen flatterten wie Rasenstücke, und niemand wollte springen. Doch die Jury ließ den zweiten Durchgang trotzdem laufen. Tomofumi Naito landete bei diesem Glücksspiel den ersten Weltcup-Sieg seines Lebens. Der Rest der Elite schüttelte nur den Kopf – oder packte schon die Skier ein.
Philipp Raimund war dieser Wind schon vor Jahren ein Gräuel. Am Samstag schmiss ihn dieselbe Bö, die Felix Hoffmann beinahe in die Matte riss. Als der Oberstdorfer sah, wie Hoffmanns Ski unkontrolliert wegdriftete, stand er auf, stieg in den Aufzug und fuhr hinunter. Kein Wort, kein Protest – nur Konsequenz. „Es war seine Entscheidung, ich finde das in Ordnung“, sagte Bundestrainer Stefan Horngacher knapp in die ARD-Kamera. Der Satz klang wie ein Nachruf auf ein Wochenende, das niemand so wollte.
Der berg, der keinen spaß versteht
Holmenkollen hat schon viele gestählte Helden in Frage gestellt. Diesmal war es die Kombination aus Böen bis 50 km/h und Startverhältnissen, die selbst den Videokameramann erbleichen ließen. Die Jury hatte nach Durchgang eins abgebrochen, kurz darauf aber doch weitergemacht – mit dem Resultat, dass nur noch Außenseiter oben landeten. Naito, bisher 42. der Gesamtweltcup, segelte auf 133 m und 131,5 m. Dahinter folgte Anze Lanisek, der selbst froh war, heil runtergekommen zu sein. Antti Aalto komplettierte das Podest wie ein Finne, der sich fragte, warum er überhaupt noch flog.
Karl Geiger und Andreas Wellinger wurden Elfter und Zwölfter – das war der deutsche Erfolg an diesem Sonntag. Domen Prevc, sonst Siegaspirant, schaffte es gerade noch in die Top Ten. Ryoyu Kobayashi, dreimaliger Tourneesieger, landete auf 32. Gregor Deschwanden, am Vortag noch Jubel-Opträger als ältester Weltcup-Neuling, wurde 36. und schmunzelte bitter: „Alter schützt vor Torheit nicht, und vor Wind erst recht nicht.“

Was bleibt, ist ein fader beigeschmack
Die Athleten reden von „Lotterie“, die Veranstalter von „zumutbaren Bedingungen“. Dazwischen steht ein Sport, der seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzt, wenn Medaillen nach Zufallsprinzipien vergeben werden. Die FIS muss sich fragen lassen, warum ein Windfenster von 15 Minuten plötzlich wichtiger ist als die Gesundheit der Flieger. Denn wer einmal in der Luft die Kontrolle verliert, fliegt nicht nur weit – er fliegt auch tief.
Tomofumi Naito wird sich trotzdem nicht beklagen. Für ihn ist dieser Tag der größte seines Lebens. Die Konkurrenz gratuliert höflich, aber die Blicke sagen: Glück gehabt. Und Philipp Raimund? Der sitzt längst im Flieger nach Hause und fragt sich vermutlich, warum er überhaupt noch nach Oslo gekommen ist. Die Antwort liegt im Wind – und der war heute einfach zu gefährlich.
