Puerto: der mann, der das dopingsystem entlarvte, bricht sein schweigen

Zwei Jahrzehnte sind vergangen, seit die Operation Puerto das spanische Sportgeschehen erschütterte. Ein Schlüsselakteur, lange im Schatten, erhebt nun die Stimme. Enrique Gómez Bastida, damals junger Offizier der Guardia Civil und heute Lieutenant Colonel, gewährt MARCA einen exklusiven Einblick hinter die Kulissen des Falls, der den Kampf gegen Doping für immer veränderte.

Ein blick zurück: die anfänge der ermittlungen

Gómez Bastida erinnert sich: „Es begann mit einem einfachen Dienstauftrag, Nummer 716. Wir erkannten, dass es sich um mehr als nur eine Operation handelte. Es war ein Wendepunkt.“ Die UCO, bekannt für ihre Arbeit in den Bereichen Mord, Entführung und Drogenhandel, stieß auf ein System, das weit über das hinausging, was sie sich vorstellen konnten. Ein System, das das Radrennen dominierte und enorme Summen in Bewegung setzte.

Heute lebt Gómez Bastida in Ibiza, fernab vom Rampenlicht. „Der Tourismus ist meine neue Leidenschaft – die Industrie des Glücks, wie ich sie nenne.“ Doch die Erinnerungen an die Operation Puerto sind noch lebendig. Er spricht offen über die politischen und wirtschaftlichen Kräfte, die im Spiel waren, und über die Schwierigkeiten, die mit der Aufdeckung eines so tief verwurzelten Systems verbunden waren.

War spanien das epizentrum des dopings?

War spanien das epizentrum des dopings?

„Ich weiß nicht, ob andere Länder Dinge verbargen oder sie einfach nicht entdeckten“, so Gómez Bastida. „Die Operation Puerto war einzigartig. Es gab keine vergleichbaren Ermittlungen weltweit, weder in Spanien noch anderswo.“ Er weist darauf hin, dass die Spiele in London, die als die saubersten der Geschichte gefeiert wurden, später durch Doping-Fälle in Verruf gerieten. „Es ist leicht, denjenigen zu beschuldigen, der die Wahrheit ans Licht bringt.“

Die Dimensionen des Dopings: Gómez Bastida betont, dass es sich um eine „vollständige Unternehmensstruktur“ handelte. „Eine externe Struktur, die in der Lage war, zu beeinflussen, wer eine Sportveranstaltung gewinnt, ist eine Unternehmensstruktur.“ Er verweist auf den Fall Armstrong als Beispiel für die enormen finanziellen Interessen, die hinter dem Dopingsystem standen. „Er brachte die Fernsehsender und Sponsoren ins Tour.“

Die 200 blutbeutel: ein schock für die ermittler

Die 200 blutbeutel: ein schock für die ermittler

Die Entdeckung der 200 Blutbeutel war ein Moment der Überraschung. „Wir dachten, die Proben wären fast aufgebraucht, da wir uns am Ende der Giro d'Italia befanden. Stattdessen fanden wir ein System, das nahezu unerschöpflich war.“ Die schiere Anzahl der involvierten Sportler und Teams deutete auf ein fast monopolartiges System hin.

Es gab Angst, aber vor allem Verantwortung und Druck. „Wir waren Polizeibeamte in einem unbekannten Terrain: dem Sport und den Medien. Die juristische Aufarbeitung, die Beweislast im Sport und die mediale Wirkung waren für uns neu.“

Unvollendete geschäfte und verpasste chancen

Gómez Bastida räumt ein, dass die Operation Puerto unvollendet blieb. „Es gibt Namen, die nie veröffentlicht wurden.“ Er kritisiert auch, dass andere große internationale Fälle, wie der Fall Armstrong oder das Staatsdoping in Russland, ebenfalls nicht vollständig aufgeklärt wurden. „Seit 2017, nach den Ermittlungen der AMA zu Russland, glaube ich, dass der eigentliche Kampf gegen das Doping praktisch beendet ist.“

Die geringe Anzahl an sportlichen Konsequenzen im Vergleich zu den intervenierten Blutbeuteln erklärt er mit dem damaligen Zustand des Anti-Doping-Systems. „Die AMA wurde erst 1999 gegründet, und Spanien passte seine Gesetzgebung erst an den Welt-Anti-Doping-Kodex an. Es gab keine Grundlage für die Einleitung von Disziplinarverfahren aufgrund polizeilicher Ermittlungen.“

Ein vermächtnis der erkenntnis

„Oculto, ninguno. Die Beweise und die Dokumentation sind vorhanden und können von jedem analysiert werden“, so Gómez Bastida. Er betont, dass es mehr als genug Beweise gab, um alle zu identifizieren. „Die Operation Puerto hat dem spanischen Sport geschadet. Länder, in denen nichts aufgedeckt wurde, haben diesen Preis nicht gezahlt.“

Gómez Bastida blickt zurück auf eine Zeit, in der der Sport von einer Schattenwelt des Dopings durchzogen war. Eine Welt, die er mit Mut und Entschlossenheit ans Licht brachte. Und er lässt keinen Zweifel daran, dass der Kampf gegen das Doping noch lange nicht gewonnen ist. Die Frage ist nicht, ob Doping existiert, sondern wie wir es erkennen und bekämpfen können, bevor es erneut die Integrität des Sports untergräbt.

n