Preuß löscht sich aus dem adams-system: „endlich keine 24-stort-kontrolle mehr“
Franziska Preuß hat ihre Karriere beendet – und die erste Freiheit schmeckt nach Nachtruhe ohne Meldepflicht. „Die schönste E-Mail war die Abmeldung beim Anti-Doping“, sagt die 31-Jährige im Blickpunkt Sport-Interview. Zehn Tage nach dem Massenstart von Cortina klafft im deutschen Biathlon ein Loch, das größer ist als nur eine fehlende Einzelmedaille.
Olympia bleibt ihr verhasster begleiter
Sie lacht, aber es klingt nicht froh: „Olympia und ich, wir werden einfach keine Freunde.“ Bronze im Mixed rettete das Olympia-Bndnis, doch der Traum von Gold im Einzelwettbewerb zerschellte an zwei Schießfehlern und einer Laufform, die im entscheidenden Moment nachließ. Die Gesamtweltcupsiegerin des Vorjahres hatte den Sommer über genau diesen einen Tag im Kopf – und verlor sich in der Vorbereitung. „Ich musste drei Wochen mental so streng zu mir sein, dass mir nach dem Weltcup-Finale in Oslo die Luft ausging.“
Die Folge: eine Saison, in der ihre Trefferquote im Anschlag um 5 % sank und ihre Laufzeiten im klassischen 10-km-Rennen durchschnittlich 12 Sekunden langsamer waren als im Winter zuvor. Zahlen, die sich auf dem Papier klein anhören, auf der Loipe aber über Rang 15 entscheiden.

Lou jeanmonnot zog ihr die energie ab
Den Kampf um die Kristallkugel nennt Preuß „ein Katz-und-Maus-Spiel mit französischer Geduld“. Lou Jeanmonnot holte sich in Pokljuka und Antholz die Punkte, die Preuß durch Schießfehler verschenkte. „Jede falsche Zielkarte war ein kleiner Herzinfarkt“, sagt sie und deutet auf die Brust. Die Konsequenz: mehr Training auf der Matte, weniger Regenerationszeit. Sportpsychologen sprechen von „kognitiver Erschöpfung“ – bei Preuß manifestierte sie sich in nächtlichem Grübeln und einem Ruhepuls, der selbst im Urlaub nicht unter 50 fiel.
Medienrummel überrollte sie
„Ich habe nicht den richtigen Umgang gefunden“, gibt sie offen zu. Nach der Gesamtweltcup-Überraschung stieg die Anfragequote von TV-Sendern um 38 %, die Social-Media-Reichweite ihrer Accounts um 120 000 Follower. Jeder Post wurde zur Leistungsbilanz. „Plötzlich war ich nicht mehr nur Sportlerin, sondern Markenbotschafterin, Vorbild und Kommentatorin in eigener Sache.“ Die Last trug sie bis ins Olympiadorf – und ließ sie zweimal in Tränen ausbrechen, wie Teamkolleginnen berichten.
Oslo-besuch steht auf abruf
Ob sie beim Saisonfinale Anfang März auf der Holmenkollen-Tribüne sitzt? „Ich schaue auf die Wetter-App und buche erst am Freitag.“ Ein Scherz, doch dahinter steckt Strategie: Preuß will der Nachwuchsriege um Selina Grotian und Julia Tannheimer nicht die Show stehlen. „Die Mädels brauchen Raum, keine Vergleiche mit der, die früher mal fuhr.“
Die Verbandschefs fordern sie trotzdem als Mentoring-Expertin zurück. Name, Gesicht, Erfahrung – ein Trio, das Sponsoren lockt. Doch Preuß lehnt ab: „Erst mal drei Wochen ohne Wecker.“ Ihr Plan: Ski-Genusstouren im Oberengadin, ein Physiotherapie-Studium, vielleicht ein Volontariat bei der ARD. „Ich will erzählen, nicht coachen.“
Deutsches damen-biathlon verliert 30 % erfahrung
Zahlen vom Skiverband zeigen: Mit Preuß verschwindet 30 % der Weltcup-Punkte der letzten fünf Jahre. Neue Führungsspieler? Denise Herrmann-Wick ist schon weg, Vanessa Voigt verletzt. Verbleibende Athleten unter 23 Jahren sammelten gerade mal 42 % der Saisonpunkte. Der Druck auf Grotian und Tannheimer wächst – und genau diesen Druck wollte Preuß ihnen ersparen.
Sie selbst schaltet jetzt das Handy auf lautlos. Keine 24-Stunden-Ortung mehr, keine Dampfduschen nach der Jagd, keine Pressekonferenzen über angebliche Krisen. „Ich habe 14 Jahre lang jeden Atemzug erklärt, jetzt atme ich erst mal aus.“ Die letzte Frage des Reporters: Was machen Sie morgen? Preuß grinst: „Ich schlafe bis neun, trinke Kaffee ohne Urinprobe und gehe spazieren – ohne zu melden, wann ich zurück bin.“ Ein Satz, der länger nachhallt als jede Medaille.
