Pogacar startet ohne rechte hand ins klassik-debüt – und will trotzdem wieder siena beherrschen

Am Samstag rollt Tadej Pogacar erstmals 2026 über die toskanischen Schotterpisten, doch im Windschatten fehlt ihm eine feste Größe: Tim Wellens, sein Leibwächter auf weißen Staub, operiert sich gerade das Schlüsselbein zurecht. Ein Bruch, ein Schnitt, ein Frühjahr vor dem Frühling – für den Belgier ist die Saison gelaufen, bevor sie begann.

Wellens fällt aus – und mit ihm die ruhe im getriebe

Seit Jahren schaltet Wellens das Tempo herunter, wenn Pogacar sich in den steilsten Zentimetern Sienas verausgab. Er lenkt Wind, attackiert Frühstarter, kontrolliert Renngeräusche. Ohne ihn wirkt UAE wie ein Klavier mit fehlenden Basstasten: Del Toro, Christen, Großschartner – talentiert, aber keiner von ihnen kennt die feinen Risse in Pogacars Gemüt so genau wie der 34-jährige Flamand.

Die Mannschaftsliste liest sich trotzdem wie ein Who-is-who des neuen Radzirkus. Florian Vermeersch bringt seine Flandern-Beine mit, Kevin Vermaerke die US-Energie, und Domen Novak soll die italienischen Passagen glätten. Doch die Chemie, die Wellens mit Pogacar teilt, lässt sich nicht durch einfaches Umgruppieren ersetzen.

Drei siege, ein sturz, eine mission

Drei siege, ein sturz, eine mission

2022, 2024, 2025 – Strade Bianche gehört Pogacar wie der Col de la Loze der Tour. Selbst nach einem Slide im Gravel des vergangenen Jahres fuhr er mit blutenden Ellbogen voran. „Unvergessliche Erinnerungen“ nennt er das, und die Zahlen sprechen für ihn: 203 Kilometer, 64 Schotter, null Kompromisse. Die Streckenposten strichen zwei Sektoren, doch weniger Staub bedeutet nicht weniger Drama – Van Aert, Pidcock, Healy, Arensman warten im Hinterhalt.

Der Slowene mag vom Sofa aufstehen, um sich ins Getümmel zu stürzen, aber seine Gegner haben seine Fernseh-Zitate studiert. Sie wissen, dass er nach 42 Kilometern am Monte Sante Marie das erste Mal blinzelt, dass er bei 28 Grad Celsius den Schluck Wasser vergisst, dass er in der letzten weißen Kurve vor Siena noch einmal zupackt, als wäre nichts geschehen.

Ohne Wellens muss Pogacar nun seine eigenen Sicherheitsnetze weben. Die Frage ist nicht, ob er gewinnen will – das steht außer Zweifel. Die Frage ist, ob er es alleine schafft, bevor die Konkurrenz sein kurzfristig verändertes Schachbrett ausnutzt. In der Toskana beginnt nicht nur die Klassiker-Saison, sondern auch ein kleines Psychospiel: Wer traut sich, die Lücke zu attackieren, die Wellens normalerweise schließt?

Am Samstag um 11:40 Uhr fällt der Startschuss. Dann zählt nur noch, wer die weißen Staubwolken durchbricht. Für Pogacar heißt das: Sieg oder Selbstgespräch. Für Wellens: Fernsehen und Genesung. Für uns: ein Rennen, das mit oder ohne Nebenhand die Meter fressen wird.