Pirovano zerschlägt den fluch: erster weltcup-sieg nach 29 top-10-platzierungen
Laura Pirovano hat die Bombe platzen lassen. 1:21,40 Minuten in der Abfahrt von Val di Fassa – und plötzlich ist alles anders. 29 Mal war die 26-jährige Trentinerin seit 2016 in den Top 10, zweimal verletzte sie sich schwer, das Podest blieb tabu. Jetzt der Knall mit 29 Hundertsteln Vorsprung auf Emma Aicher. Endlich.
„Heute ist alles großartig“ – das gespräch nach dem rennen
Pirovano atmet tief durch, als wolle sie den Moment einatmen. „Ich kann nicht sagen, was heute anders war. Vielleicht hat einfach alles gepasst.“ Ihre Stimme zittert nicht, sie klingt erstaunt – und erleichtert. Die Kolleginnen umarmen sie, die Konkurrenz klatscht ab. „Wir sehen uns jede Woche, wir kennen die Frustgeschichten von allen. Deshalb ist der Jubel heute echt.“
Den Frust kennt sie aus dem Lehrbuch. Knie-OP 2018, neun Monate Pause, dann wieder ein Sturz, wieder Schmerzen. „Das Knie war ok, der Kopf nicht“, sagt sie. „Ohne Kopf nützt dir die Technik nichts.“ Also arbeitete sie mit dem Psychologen, malte Ölbilder, um runterzukommen, schnappte sich das Surfbrett, tauchte im Mittelmeer ab. „Surfen und Apnoe lehren dir, dass Panik dich nur nach unten zieht.“
Jetzt zieht sie nach oben. 149 km/h Spitze in der Abfahrt, das zweitbeste Training der Saison, dazu der Selbstvertrauensschub durch den achten Platz in Crans-Montana vor zwei Wochen. „Ich wusste, ich fahre gut. Ich wusste nur nicht, dass es reicht.“ Reicht hat es, weil sie im letzten Flachstück nichts riskiert, sondern die Linie sauber hält. Aicher kommt zu spät aus dem Hängen, Johnson verliert ein Viertelsekunde im Zielsprung. Pirovano wirkt wie jemand, der endlich den richtigen Zeitpunkt trifft.

Die frau, die mit drei jahren auf skiern stand
Die Skilehrerin ihrer Eltern setzte sie auf die Bretter, weil sie sonst weinte, wenn die großen Brüder vor die Tür gingen. „Ich wollte einfach mit“, sagt sie. Später fuhr sie mit 13 Jahren gegen Jungs, die doppelt so groß waren, gewann Junioren-WM 2017 in Åre. Die Medien warfen sie in den Korb mit Goggia und Brignone. „Ich habe nie den Anspruch, jemand anders zu sein“, sagt sie. „Ich will nur keine Träume offenlassen.“
Die Zeichnung hängt seit Wochen in ihrer Wohnung: ein Sprung in der Abfahrt, dahinter der Latemar. Sie malte ihn selbst, Pinselstrich für Pinselstrich. „Ich wollte mir vormachen, wie es aussieht, wenn es klappt.“ Heute Morgen hat sie den Rahm weggelassen, das Bild liegt im Koffer. Es passt nicht mehr in die alte Welt. Die neue beginnt mit 29 Hundertsteln Vorsprung – und ohne Rückzieher.
