Pirovano rast emma aichers hoffnung – die große kugel bleibt offen

Laura Pirovano hat in Kvitfjell den Abfahrts-Weltcup gestohlen – und Emma Aicher die Luft dafür ein bisschen dünner gemacht. Mit Startnummer 14 rasierte die Italienerin die 2.100 Meter hinunter, stellte die Bestzeit auf 1:41,13 min und schnappte sich die kleine Kristallkugel. Aicher? Rang drei, 0,31 Sekunden hinten. Genug, um sich mit geschlossenen Augen noch an Shiffrins Nacken zu hängen.

Die rechnung ist denkbar knapp

Shiffrin schwänzte die Abfahrt – und das war keine Laune. Die US-Superstar spart Kräfte für Slalom und Riesenslalom, ihre Paradedisziplinen. Konkurrenzlos ist sie trotzdem nicht: Aicher fehlen 86 Punkte auf die Führende, bei noch 400 zu verteilenden. Drei Rennen in vier Tagen stehen an: Sonntag Super-G in Kvitfjell, Dienstag und Mittwoch Slalom und Riesenslalom in Hafjell. Ein Sieg bringt 100 Zähler, ein zweiter Platz 80. Wer rechnet, spürt den Puls.

Im Zielraum von Kvitfjell atmete Aicher tief durch. „Ich wollte die Abfahrts-Kugel natürlich auch, aber Laura war heute nicht zu schlagen. Jetzt schaue ich nach vorn – alles ist drin.“ Ihre Stimme klang rauer als sonst, das Adrenalin steckt noch in den Muskeln. Die 23-Jährige fuhr aggressiv, legte sich früh auf die Innenkante, verlor aber im letzten Flachstück ein paar Hundertstel. Breezy Johnson war schneller, Kira Weidle-Winkelmann auch – und Pirovano war einfach weg.

Shiffrin zockt – aicher muss attackieren

Shiffrin zockt – aicher muss attackieren

Shiffrins Taktik ist kalkuliertes Risiko. Ohne Speed-Einheit spart sie Oberschenkel und Nerven. Ihre Trainer rechnen: zwei Podestplätze in Hafjell, und selbst zwei Siege von Aicher reichen nicht mehr. Die Österreicherin muss also gewinnen – und hoffen, dass Shiffrin mindestens einmal außerhalb der Top-3 landet. Die Wetterlotterie im norwegischen Frühling macht das Rennen zur Lotterie: Schneeregen könnte die Startreihenfolge durcheinanderwirbeln, eine verregnete Zwischenzeit alles kippen lassen.

Für Aicher bleibt nur ein Modus: Vollgas. Ihre Slalom-Skills sind besser als ihr Ruf, im Super-G wurde sie schon zweite. Die Saison endet mit einem Sprint, nicht mit einem Marathon. Wer jetzt zögert, verliert. Und wer verliert, erinnert sich im Sommer an Hundertstel, die wie ein Abgrund wirken.

Die große Kristallkugel liegt noch im Schnee von Hafjell – blank, kalt und bereit, sich in der Hand der Angriffslust zu verkrallen. Aicher fliegt heute Nachmittag nach Oslo. Shiffrin bleibt in dem kleinen Hotel am Fjord, liest Zahlen, schläft zwölf Stunden. In vier Tagen weiß einer von beiden, dass die Saison entwieder gold oder Silber war. Der andere weiß nur, wie nah er war.