Pirovano jagt den kugel im eislauf von kvitfjell

Laura Pirovano trägt das Rote Trikot der Abfahrts-Königin schon im Gepäck – doch um es heute endgültig überzustreifen, muss sie in Kvitfjell nur noch vorne landen. Zwölf Uhr dreißig, Startnummer 14, Live auf Rai 2: Das ist die Stunde, in der eine Saison kippen kann.

Eine abfahrt, die über alles entscheidet

Eine abfahrt, die über alles entscheidet

436 Punkte hat die 27-Jährige auf dem Konto, 28 mehr als Emma Aicher, 85 vor Kira Weidle. Die Mathematik ist simpel: Ein Podest reicht, um die kleine Kristallkugel sicher nach Italien zu lotsen. „Ich wollte die Diskussion nicht führen, aber jetzt ist sie da – und sie schmeckt“, sagte Pirovano nach dem zweiten Training. Ihre Stimme klang nicht nach Anspannung, sondern nach Vorfreude auf den letzten Punch.

Kvitfjell kennt Dramatik. 1995 gewann Heidi Zurbriggen, 2002 Renate Götschl, 2023 Kajsa Lie. Die Piste unter der kalten norwegischen Sonne hat schon Karrieren katapultiert und andere zertrümmert. Letzte Saison siegten hier Cornelia Hütter und eben jene Aicher, die heute die größte Bedrohung für Pirovano darstellt. Die Deutsche startet mit der 11, hat weniger zu verlieren, dafür mehr zu gewinnen.

Die Italienerin selbst fuhr in dieser Saison nie schlechter als Platz sieben – eine Serie, die Selbstvertrauen nährt und Druck erzeugt. „Ich bin keine Rechnerin“, sagt sie. „Aber ich weiß, dass ein Top-3 mir die Krone sichert.“ Ihre Technik in den letzten Schussfahnen gilt als Referenz, doch Kvitfjell hat eine Fallrippe, die selbst Routiniers ins Stottern bringt. Wer dort zu spät auf die Kante geht, fliegt aus dem Rennen – und aus der Statistik.

Hinter den drei Spitzenreiterinnen lauert Corinne Suter mit Startnummer 7. Die Schweizerin braucht einen Sieg und gleichzeitig einen Ausfall der Konkurrentinnen, um noch die Wende zu schaffen. Realistisch ist das nicht, aber im alpinen Zirkus gilt: Solange die Zeit läuft, ist alles offen. Die Temperatur liegt bei minus sieben Grad, die Piste ist hart wie Beton – perfekt für Risikofahrer.

Die 25 Starterinnen kommen ohne Ersatz aus, Verletzungen löschen keine Startplätze mehr. Wer heute nicht am Start steht, verabschiedet sich mit einem Nicken in die Sommerpause. Für Pirovano wäre das ein Albtraum, für Aicher eine Chance. Die deutsche Skigilde hofft auf den zweiten Abfahrts-Titel nach Maria Höfl-Riesch 2011 – und auf ein kleines Wunder.

12.30 Uhr, Countdown. Die Anzeigentafel blinkt, die Fähnchen flattern. In 90 Sekunden kann sich alles entscheiden – oder in drei Minuten alles zerschlagen. Die Uhr tickt, die Spannung steigt. Wer die letzte Abfahrt der Saison dominiert, dominiert die Geschichtsbücher. Pirovano hat die beste Ausgangsposition, aber die Piste schreibt ihre eigenen Regeln. Und die lauten: Erst die Zeit, dann der Jubel.