Pirlo: «italiens vereine haben die champions league verloren»
Andrea Pirlo schiebt den Ball so unbarmherzig ins Eck, wie er es einst bei Standards tat. Diesmal trifft er seinen eigenen Verband. «In Europa gibt es viele Mannschaften, die klar stärker sind als unsere», sagt der 47-Jährige am Vorabend des Champions-League-Finales in London. Die Achtung vor PSG und Arsenal mischt sich mit bitterer Ernüchterung über das eigene Land – drei WM-Endrunden hintereinander ohne Italien. Drei.
Die italienische serie a ist zur durchgangsstation geworden
Er erinnert sich an Khvicha Kvaratskhelia, der mit Napoli glänzte und nun mit PSG die nächste Trophäe jagt. «Unhaltbar», sagt Pirlo knapp. «Die anderen Ligen haben mehr Geld, mehr Möglichkeiten und bessere Rahmenbedingungen. Das ist der einzige Grund, warum Talente wie Kvara nur bei uns vorbeikommen.»
Die Konsequenz: Wer heute die Weltspitze sucht, landet nicht in Turin oder Mailand, sondern in Manchester oder München. Pirlo selbst wäre sofort in die Premier League gegangen. «Definitiv», sagt er mit diesem leisen Lächeln, das früher vor dem entscheidenden Elfmeter aufkam. «Italien ist nicht mehr die Spitze.»

Null reform, null perspektive – und wieder keine wm
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: seit 2014 fehlt Italien bei allen Weltmeisterschaften. «Traurig», sagt Pirlo. «Meine Kinder wollen die Azzurri sehen, ich will sie sehen. Die WM ist der Moment, an dem eine ganze Nation stillsteht.» Doch statt Strukturen zu modernisieren, setzt der Verband weiter auf kurzfristige Lösungen. «Es bräuchte Anreize für die Klubs, stärker zu investieren. Aber nichts passiert.»
Das erinnert ihn an die 0:0-Orgien der letzten Saison. «Um einen Schuss aufs Tor zu sehen, musst du den Fernseher ausschalten», scherzt er, aber im selben Moment wird seine Stimme wieder ernst. «Fans wollen Emotionen, keine taktische Starre.»

Psg gegen arsenal – «eine partie, die nie enden soll»
Zurück zum Finale. PSG gegen Arsenal, Samstag in Budapest. Pirlo tippt 2:1 für die Franzosen. «Leicht favorisiert wegen der Erfahrung», sagt er. «Aber Arsenal spielt derzeit einen atemberaubenden Fußball.» Entscheidend werde die Defensive: Saliba und Gabriel beim FC Arsenal gegen Marquinhos und Co. «Beide Teams haben hinten Granit und vorne Dynamit.»
Die Schlüsselspieler sieht er im Mittelfeld. Vitinha beim PSG sei der Tempomacher, der unter Druck jede Linie öffnet; Declan Rice dagegen der Abräumer, der jeden zweiten Ball erobert. «Ich würde mit beiden zusammen spielen können», schmunzelt Pirlo, der selbst jede Lücke sah, bevor sie überhaupt entstand.

Final-feeling bleibt für immer
2003 gewann er seine erste Champions League mit dem AC Milan. «Das war Magie», sagt er. «Das erste Mal Finale, die ganze Stadt elektrisiert, das Derby in der Vorschlussrunde.» Insgesamt stand er viermal im Endspiel, zwei Mal triumphierte er. «Eine Finale wird nie zur Routine. Nie.»
Die Hymne der Champions League löst nach wie vor Gänsehaut aus. «Wenn du Spiele wie PSG gegen Bayern siehst, willst du sofort wieder mitspielen.» Er macht eine Pause. «Bei anderen Partien kommt das Gefühl eher nicht.»
Am Ende bleibt die Frage, was wichtiger sei: Champions League oder WM-Titel? Pirlo lacht leise. «Die WM ist das Größte. Als Kind träumst du davon, für dein Land zu spielen. Ich hatte das Glück, diese Träume wahr werden zu lassen.»
Doch bis Italien wieder Weltmeister spielen darf, müssen erst ein paar echte Reformen her. Sonst bleibt der nächste Pirlo eben in der Premier League. Und die nächste WM ohne Italien.
