Pidcock zündet superga-rakete und will mailand-sanremo knacken

600 Meter vor dem Ziel war die Attacke so perfekt timet, dass selbst Primoz Roglic nur Staub schlucken konnte. Tom Pidcock schoss an der Superga davon, schrieb sich in die Liste der Mailand-Turin-Sieger ein – und schob sich damit einen Tag vor dem 117. Mailand-Sanremo in die enge Favoritenriege hinter Mathieu van der Poel und Tadej Pogacar.

Der brite will das quäntchen glück zurück

Die Form stimmt, die Zahlen auch: zweiter Saisonsieg, viertes italienisches Monument in Serie, 26 Jahre alt. Doch Pidcock selbst schraubt die Erwartung runter. „Mailand-Sanremo ist kein Form-Rennen“, sagt er knapp, „da reicht ein Millisekunde Unkonzentriertheit, und du landest in der zweiten Gruppe.“ Die Erfahrung hat er schon: 2025 rutschte er auf der Cipressa weg, landete trotz Crash-freier Fahrt auf Platz 40, 43 Sekunden hinter dem Sieger.

Das ärgert ihn noch heute. Er hatte keine Flat, keinen Defekt, nur Pech im Getümmel. Die Statistik kennt seine Platzierungen: 15. (2023), DNF (2022), 11. (2024). Kein Crash, dafür immer ein Häkchen: Entweder fehlte die Geschwindigkeit im Sprint, oder die Lücke schloss sich eine Sekunde zu spät.

Warum diesmal alles anders werden könnte

Warum diesmal alles anders werden könnte

Die Antwort steht auf dem Leistungsdatenblatt seiner Trainingscamp-Woche in Calpe: 6,1 W/kg auf 20 Minuten, 1.200 Watt Sprintspitze, 78 kg Körpergewicht – ein Kraftpaket mit XC-Technik. Dazu kommt die Tatsache, dass Ineos Grenadiers erstmals ohne klare Hierarchie nach Sanremo fährt. Filippo Ganna ist zwar Co-Kapitän, doch die interne Order lautet: „Wenn Tom geht, fahren wir für Tom.“

Die Wetter-App verspricht 14 Grad und leichten Side-Wind auf der Via Roma. Kein Regen, dafür ein knallender Nordanwind auf Poggio und Via Aurelia. Perfekt für einen Puncher, der auf der flachen letzten Anstiegen plötzlich das Tempo auf 520 Watt hochschrauben kann. „Wenn sich die Gruppe bei 250 km öffnet, bin ich bereit“, sagt Pidcock. „Ich brauche keine 500 Meter – 200 reichen.“

Die Konkurrenz schaut bereits nervös. Van der Poel ließ sich nach Tirreno-Adriatico mit Rückenproblemen behandeln, Pogacar trainierte drei Tage lang nur auf dem Rollentrainer. Der Druck liegt auf den Niederländern, nicht auf dem Briten. Das ist Pidcocks Trumpf: Er kann angreifen, weil er nicht verteidigen muss.

Die Uhr tickt. Samstag, 288 km, 3.000 Höhenmeter, sieben Stunden Sattel. Pidcock hat die Zahlen im Kopf, aber auch die Bilder von 2025, als er mit zerschlissenem Trikot über die Via Roma rolle. „Diesmal will ich das Foto vom Zielsprint in der Siegerpose“, sagt er trocken. „Und wenn das bedeutet, dass ich auf der Poggio noch einmal alles riskiere – dann ist es eben so.“

Kurz vor dem Start packt er zwei Gels ein, ein Koffein-Shot, ein normales. Kein Ritual, nur Routine. Draußen tost die Menge, drinnen tickt der Puls bei 42. Ein letzter Blick aufs Profil: Capo Berta, Cipressa, Poggio. Drei Anstiege, eine Chance. Für Tom Pidcock ist klar: Entweder er gewinnt – oder er lernt wieder, wie nah man der Glorie sein kann, ohne sie zu berühren.