Piastri wirft mclaren vor dem heimspiel in melbourne kaltes wasser: „wir sind nicht mehr die jäger“

Melbourne. Drei Tage vor dem Startlicht am Albert Park klingt Oscar Piastris Stimme so trocken wie die Sommerluft über seiner Heimatstadt. „Wir fühlen uns nicht mehr wie die Stärksten“, sagt er und zerstört mit einem Satz die Sommermärchen, die sich McLaren-Fans seit dem Wintertest in Bahrain ausgemalt hatten. Der 25-Jährige, der vor zwölf Monaten noch als Punktesammler in die Saison startete, wirft seiner Crew eine Portion Realität vor den ersten Grand Prix des Jahres.

Die zeiten von 0,869 sekunden rückstand sind kein fußnote mehr

Die Testzeit, die ihn in Sakhir hinter Charles Leclerc und Andrea Kimi Antonelli platzierte, war kein Ausrutscher. Sie war ein Vorgeschmack. „Wir sind zwar in der Spitzengruppe, aber nicht mehr auf Augenhöhe mit denen, die letztes Jahr noch hinter uns saßen“, erklärt Piastri. Die Daten der letzten Testtage zeigen: McLaren hat die Winterpause verschlafen, während Ferrari und Mercedes die Handbremse gelöst haben. Der Beweis liegt nicht nur in den Rundenzeiten, sondern in den Longruns. Dort fehlten Piastri und Lando Norris auf einen Stint von 25 Runden durchschnittlich 0,4 Sekunden pro Umdrehung auf das Top-Tempo.

Die Konsequenz: McLaren muss umdenken. „Letztes Jahr haben wir fünf der ersten sechs Rennen gewonnen und waren von Anfang an die Referenz“, sagt Piastri. „Diese Rolle müssen wir uns in diesem Jahr erarbeiten.“ Statt Siegesserie heißt es nun: Entwicklungsrennen. Das neue Reglement mit seinem engeren Budgetrahmen und den verschärften Aerodynamik-Restriktionen hat die Lücke zwischen den Top-Teams verkleinert – und McLaren einen Teil seiner technischen DNA gekappt.

Norris bleibt stumm, piastri liefert die soundbite

Norris bleibt stumm, piastri liefert die soundbite

Während Weltmeister Norris in den Medienterminen nach Formeln spricht und sich aus der Schusslinie zieht, übernimmt Piastri die Rolle des Kassandras. „Es wird nicht der gewinnen, der in Melbourne die Nase vorn hat“, sagt er und meint damit nicht nur sich selbst. Er meint die Saison, die 24 Rennen lang ein offenes Rätsel bleiben wird. Die Ingenieure rechnen mit bis zu sieben großen Updates pro Team – ein Entwicklungstempo, das selbst die erprobten Strukturen an ihre Grenzen bringt.

Die Zielsetzung ist klar: McLaren will nicht den ersten Sprint gewinnen, sondern den Marathon. „Wir haben in den vergangenen Jahren bewiesen, dass wir schnell umschalteln können“, sagt Piastri. „Aber diesmal sind wir nicht die Jäger, sondern die Gejagten.“ Die Ironie: Genau diese Rolle hatte McLaren 2025 so souverän gespielt. Nun ist das Team gezwungen, sich selbst zu jagen.

Der albert park wird zur geduldsprobe

Für Piastri kommt die Ernüchterung zum schlechtesten Zeitpunkt. Vor eigenem Publikum, auf einer Strecke, die er als Kind noch mit dem Fahrrad unsicher gemacht hat, sollte eigentlich der Triumphzug beginnen. Stattdessen steht er vor dem Rennen, das seine Saison vorentscheiden könnte. „Wenn wir hier hinterherhinken, wird das ein mentales Handicap für die nächsten Wochen“, sagt er. „Aber wenn wir zeigen, dass wir in Schlagdistanz bleiben, ist alles drin.“

Die Fans in Melbourne werden trotzdem jubeln. Sie sehen ihren Jungen, den ersten australischen Grand-Prix-Sieger seit Mark Webber 2012, auch dann anfeuern, wenn er nur Fünfter wird. Piastri selbst weiß: „Die Erwartungshaltung ist heimlich gewachsen, seitdem ich letztes Jahr in Silverstone und Suzuka gewonnen habe.“ Doch er lässt sich nicht in die Karten schauen. „Ich bin nicht hier, um zu erklären, warum es nicht klappt. Ich bin hier, um zu fahren.“

Am Sonntag um 05:00 Uhr deutscher Zeit fällt der Startschuss. Dann wird sich zeigen, ob Piastris Realismus nur ein Ablenkmanöver war – oder die nüchterne Analyse eines Teams, das aus der Komfortzone heraus muss. Die Wette: Wer in Melbourne nicht vorne mitfährt, wird im November in Abu Dhabi nicht mehr vorbeikommen. McLaren hat 24 Rennen Zeit, diese Rechnung aufzumachen. Die Uhr läuft bereits.