Paul seixas reisst das baskenland hin – der neue könig ist 22

Regen peitscht die Strassen, der Rückstand schwillt auf vier Minuten, und trotzdem tritt Paul Seixas 55 km vor dem Ziel das Pedal durch. Was folgt, ist keine Taktik, sondern eine Kampfansage: Der 22-Jährige jagt allein durch Sturm und Asphalt, um seine Führung zu verteidigen. Am Ende steht nicht nur der Gesamtsieg bei der Itzulia, sondern die Ausrufung eines neuen Sterns im Peloton.

Ein vorsprung, der geschichte schreibt

Mit 2:30 Minuten Vorsprung auf Florian Lipowitz fuhr Seixas ins Ziel nach Eibar – der höchste Abstand seit 2004 und der achtgrösste seit 1924, als Francis Pélissier noch 14:54 Minuten herausfuhr. Die Zahl wirkt wie aus einem anderen Jahrhundert, doch sie passt zu einem Fahrer, der selbst aus einer anderen Zeit zu kommen scheint. Drei Wochen zuvor dominierte er die Volta ao Algarve, gewann die Classic Var und die Strade Bianche. Jetzt legte er nach – und wie.

Im Decathlon CMA CGM-Team spricht man inzwischen offen von „Paul-Effekt“. Mechaniker berichten, dass Seixas nach jeder Etappe selbst die Kettenreinigung übernimmt, weil er „das Material spüren“ will. Sportdirektor Dominique Arnould verrät: „Er fragt nach Windgeschwindigkeit, Feuchtigkeit, Asphaltkorn – Details, die andere mit 29 noch nicht auf dem Schirm haben.“

Pello bilbao nimmt abschied im regen

Pello bilbao nimmt abschied im regen

Am Finaltag überschattete eine Nachricht das Rennen: Pello Bilbao kündigte seinen Rücktritt an. Der Baskische Liebling fuhr seine letzte Itzulia, Tränen im Regen, Applaus am Strassenrand. „Ich bin hier geboren, hier habe ich gelernt, was Radsport bedeutet“, sagte er vor der Startaufstellung. Sein Abschieds-Move kam nicht aus heiterem Himmel – Bilbao laboriert seit Monaten an einer Knie-Entzündung –, doch der Zeitpunkt war Programm: Vor der eigenen Tür die Karriere ausklingen lassen, das galt schon immer als höchste Ehre.

Die Stimmung schlug um von Jubel auf Kampf, als das Feld die erste Rampe von Asentzio hinaufraste. 4,6 Kilometer mit 7,6 % Steigung, dazu ein Himmel wie Blei. Angriffe flogen, doch niemand rechnete mit dem Solo, das kommen sollte.

55 Kilometer allein gegen das feld

55 Kilometer allein gegen das feld

Als Seixas losfuhr, glaubten selbst seine Helfer an eine Finte. Dann aber riss die Lücke auf 30 Sekunden, eine Minute, zweieinhalb. Hinten zögerten UAE und Visma, zu schnell wäre die Rechnung offengelegt. Stattdessen liessen sie den jungen Franzosen sausen – und er sauerte. Bei Kilometer 35 lag er vier Minuten vor dem Verfolger-Klumpen, die Regenjacke flatterte wie ein Warnsignal.

Doch das Baskenland ist kein Freund von Helden. Der zweite Anstieg nach Elosua frisst Kraft, der Asphalt glänzt wie Seife. Seixas’ Gangfrequenz sackt, die Schultern kreisen, trotzdem tritt er weiter. „Ich wusste, dass ich sterben werde“, sagt er später, „aber ich wollte wissen, wie weit das reicht.“

15 Kilometer vor dem Ziel holt ihn das Feld ein. Keine Kapitulation, nur nüchterne Rechnung: Gelbes Trikot sichern, Kräfte sparen. Was wie Niederlage aussieht, ist gelebte Souveränität.

Ineos trumpft auf – gelb bleibt gelb

Im Finale tobt ein anderer Kampf. Marc Soler, Jasper Healy und Mattias Skjelmose hatten sich erneut abgesetzt, doch der eiskalle August, US-Neuzugang bei INEOS, setzt im Abfahrtsgleiten den Zündfunken. García Pierna stemmt sich noch dagegen, rutscht weg, August donnert durch die letzte Kurve und jubelt mit gespreizten Armen. Für INEOS der erste WorldTour-Etappensieg des Jahres – nebenbei bestätigt, dass die Briten auch ohne Bernal und Thomas neue Schneise schlagen.

Hinterher fragt niemand mehr nach dem vermeintlichen Manko der Franzosen, keine Etappe gewonnen zu haben. Seixas lacht: „Das Gelbe ist mein Sieg, der Rest ist Zukunftsmusik.“

Die Zukunft, das zeigt die Itzulia, trägt mittlerweile sein Gesicht. In den Favoritenlisten für die Tour de France rutscht er von Außenseiter auf Podest-Kandidat. Buchmacher kürzen die Quote von 34 auf 9, Experten sprechen vom „Pogacar-Modus in französischer Sprache“. Dabei bleibt Seixas, was er ist: Ein 22-jähriger Bursche, der nachts seine Rennräder poliert und morgens das GPS auf „stur“ stellt, weil „Kurven Lügen erzählen“.

Die Itzulia endet, die Ära Seixas beginnt. Mit 2:30 Minuten Vorsprung, mit einem Ruf, der jetzt auch jenseits der Pyrenäen hallt – und mit einem Satz, der ihm über die Lippen rutscht, während er das Gelbe über den Kopf streift: „Ich bin noch lange nicht fertig.“