Pato aguilera: noch heute schlägt sein herz für genoa
Carlos „Pato“ Aguilera tippt ein rotes und ein blaues Herz, wenn er nachts aus Montevideo WhatsApp-Nachrichten an alte Freunde in Genua schickt. 35 Jahre nach seinem letzten Pfiff für den Grifone redet der 59-Jährige noch immer, als stünde er morgen wieder auf dem Trainingsplatz von Pegli. Seine Stimme rattert, das Telefon knackt – und plötzlich ist man zurück im September 1990, als er auf der Nordkurve den Derby-Siegtreffer von Branco mitbekam.
Der fremde, der nie mehr wegging
Aguilera kam 1989 für 1,2 Milliarden Lire, ein Vermögen damals. Statt sich in Hotels einzukapseln, mietete er eine kleine Wohnung in Sestri Ponente, ging morgens zum Bäcker, bestellte Caffè al vetro und lernte binnen drei Monaten Slang, der selbst Hafenarbeiter verblüffte. „Ich wollte kein Tourist sein“, sagt er. „Ich wollte Genovese werden.“ Die Kurve spürte das, scandierte seinen Namen im 5/8-Takt, und als er nach einem Kreuzbandriss wieder auflief, spendierte der Klub 20.000 Eintrittskarten – ein Geschenk, das heute undenkbar wäre.
Die Zahlen sind längst verstaubt: 69 Spiele, 18 Tore. Doch die Geschichten halten sich. Wie er in Anfield Road den ersten italienischen Sieg überhaupt in Liverpool schürte. Wie er am 21. September 1991 in Pisa nach dem Abpfiff 200 Schals geschenkt bekam, weil die Fahrtfans entdeckt hatten, dass er 27 Jahre alt wurde. „Sie sangen ›Happy Birthday‹ auf drei Sprachen, ich weinte im Strahlregen“, erinnert er sich. „Danach habe ich nie wieder Geburstag alleine gefeiert.“

Maradona wusste von seinem ersten copa-tor
Die Begegnung mit Diego Maradona war kein PR-Termin, sondern ein Zufall in einem Korridor der Stadio Luigi Ferraris. „Er sprach über mein Tor gegen Bolivien 1983, wusste, dass ich mit 18 Jahren den Kreuzpass schlug“, erzählt Aguilera. „Ich habe nur gestammelt: ›Wie kannst du das wissen?‹ Er lachte und sagte: ›Ich weiß alles über Leute, die Eier haben.‹ Danach war ich drei Tage lang nicht mehr erreichbar, mein Handy explodierte.“
Dass ausgerechnet er, der Barrio-Junge aus Nuevo Paris, zum Idol der Nordkurve wurde, verdankt er auch einem Mann, der nie ein Foul im Leben sah: Trainer Osvaldo Bagnoli. „Er konnte vor dem Spiel über Poesie reden und in der Kabine brüllen, dass wir alle Säcke seien“, lacht Aguilera. „Diese Mischung aus Vater und General schweißt. Heute fehlt das, weil Spieler nach sechs Monaten weiterziehen.“

Der albtraum und die rückkehr
1992 flog Aguilera wegen angeblichen Doping-Konsums raus, das Urteil fiel später aufgehoben. Die Zeit im Torino war sportlich erfolgreich – Coppa Italia 1993 –, doch das Herz blieb an der Ligurischen Küste. „Ich habe jeden Samstag um 16.00 Uhr italienisch gelernt, um Rai-Sendungen zu verstehen. Meine Frau dachte, ich häre eine Geliebte. Stimmt ja auch: Genoa war meine zweite Frau.“
Heute leitet er in Montevideo eine Fußballschule, 220 Kinder, kein Einzahler. Die Eltern zahlen, was sie können – manche bringen Empanadas. Sein Buch „El hambre y la gloria“ („Hunger und Ruhm“) ist Pflichtlektüre in uruguayischen Sportgymnasien. Darin steht ein Satz, der auch die Kurve in Genua seit 35 Jahren mitsingt: „Gloria ist nur das Echo von Hunger.“

32.000 Menschen in einer stadt von 500.000 – das ist kein zufall
Aguilera schaut alle Genoa-Spiele, selbst wenn Amazon Prime in Uruguay abstürzt. Dann schaltet er Radio und bildet sich die Bilder zusammen. „Diese Mannschaft hat wieder Biss“, sagt er über die aktuelle Saison. „De Rossi versteht, dass Genoa keine Marke ist, sondern eine Religion. Wenn er das weiterträgt, kommt der Klassenerhalt von alleine.“
Sein größter Traum: ein Trainingslager in Uruguay, damit die Profis verstehen, warum ein Junge aus Salto wie Luis Suárez bis zum Umfallen läuft. „Ich würde sie mitnehmen in mein Viertel, zwei Stunden ohne Ball. Nur Schwitzen und Staub. Danach wissen sie, was Hunger bedeutet.“
Am Ende des Gesprächs schickt er tatsächlich ein Foto: sein Wohnzimmer, Wand voller Schals, darunter ein originaler von 1990, die Farben noch scharf. Darunter steht auf Italienisch: „Non ci sono tifosi, c’è solo una famiglia che non si è ancora svegliata.“ Übersetzt: Es gibt keine Fans, nur eine Familie, die noch nicht aufgewacht ist. Und solange das Herz in Montevideo weiter für Genua schlägt, ist der Grifone nie allein.
