Paralympics im fadenkreuz: kazmaier weigert sich, russland die ehre zu geben
Die Hymne ging, die Mützen blieben. In Cortina drehten Linn Kazmaier und Florian Baumann demonstrativ dem russischen Siegerpodest den Rücken zu – und schickten das Foto der schweigenden Geste um den Globus.
Protokoll der verweigerung
Kazmaier, 19, holte Silber im Skilanglauf, doch die Medaille war nur Nebenschauplatz. Während Anastasija Bagijan als erste Russin seit Sotschi 2014 Gold feierte, blieben die deutschen Skiläufer sitzen, Mützen tief im Gesicht, Blick abgewandt. „Politisch nicht vertretbar“, sagte Kazmaier knapp – und löste damit die größte Debatte dieser Winterspiele aus.
Der Grund: Das Internationale Paralympische Komitee (IPC) hatte Russland vor drei Wochen die komplette Rückkehr unter Nationalflagge genehmigt. Seitdem dominiert der Krieg im Osten die Gänge von Mailand und Cortina. Walerij Suschkewitsch, Präsident des ukrainischen Nationalen Paralympischen Komitees, spricht von den „schlimmsten Spielen der Geschichte“. Seine Athleten trugen „Stop War“-Ohrringe, bis das IPC sie verbieten ließ. Die Ersatz-Version: ein goldener „LOVE“-Schriftzug, das „O“ geformt wie die ukrainische Landkarte.
Deutschland schloss sich dem Protest an. Das Team um Sprinterin Leonie Maria Walter verzichtete auf die Eröffnungsfeier in Verona, ebenso wie die Ukraine, Polen und die baltischen Staaten. Statt roter Jacken trugen die deutschen Athleten schwarze Kapuzenpullover mit aufgesticktem Friedenstauben – ein Detail, das bei Eurosport mehr Sendezeit bekam als jede Sekunde des Rennens.

Ipc sammelt beweise – und steht unter damp
Die nächste Eskalation folgte prompt. Nach dem Super-G-Sieg von Warwara Worontschichina posierte Alpin-Skifahrer Alexej Bugajew mit der russischen Flagge auf dem Helm. „Provokant“, kommentierte ARD-Expertin Anna Schaffelhuber. Das IPC leitete ein Verfahren ein, bestätigte gegenüber SID: „Wir sammeln Beweise und analysieren diese.“ Eine Strafe steht noch aus, doch die Nachricht ist längst angekommen: Russland ist zurück – und spaltet die Sportfamilie erneut.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. In Sotschi 2014 ging Russland mit 80 Medaillen nach Hause. In Pyeongchang 2018 durften die Russen nur unter neutraler Flagge starten, holten trotzdem 30 Podestplätze. Nun, nach acht Jahren, ist die Hymne wieder zu hören – und das IPC spürt den Druck aus 45 Nationen, die ein zweites Russland-Boykott fordern.
Doch nicht jeder im deutschen Lager will sich festlegen. Behindertensport-Bund-Präsident Carl-Erik Lenz hält sich bedeckt: „Wir wollen die Athleten nicht zwischen die Fronten drängen.“ Kazmaier sieht das anders. „Ich kenne die Russen nicht persönlich, vielleicht sind sie nett. Aber die Hymne, die sie singen, steht für Krieg in meinem Land.“
Die Spiele gehen weiter, doch der Riss bleibt. Am Mittwoch folgte die dritte russische Goldmedaille durch Langläufer Iwan Golubkow. Die knallroten Mäntel der Delegierten funkelten in der Abendsonne – für Suschkewitsch sind sie ein Blutfleck auf weißem Schnee. Das IPC schweigt zu internen Strafen, die Athleten sprechen mit Gesten. Und Kazmaier? Die lacht nicht, wenn sie vom Podest spricht. „Ich will nicht Teil eines Bildes sein, das so tut, als wäre alles in Ordnung.“
