Pagliuca wirft den stein ins rollen: derby-sieg macht inter zu 90 % meister

Der Mythos lebt – und er trägt den Namen Gianluca Pagliuca. Der ehemalige Inter-Keeper wartet seit 29 Jahren auf eine Niederlage im Seria-A-Derby. Zehn Mal ran, zehn Mal ungeschlagen. Jetzt dreht er den Daumen nach oben: „Wenn Inter am Sonntag gewinnt, ist die Meisterschaft 90 bis 95 Prozent gelaufen.“

Die Worte des 57-Jährigen knallen wie ein Schuss in den oberen linken Winkel. Sie fallen zwei Tage vor dem Derby della Madonnina, das plötzlich mehr ist als Stadtgespräch. Es ist die vorletzte Machtprobe im Titelrennen – und vielleicht schon die Entscheidung.

Die ungeschlagene serie, die keiner mehr erklären kann

1994 weinte Milan noch mit Savićević und Capello, Inter baute mit Massimo Moratti neu. Pagliuca war der letzte Bunker vor der Sturmflut. „Wir waren das kleinere Boot, aber wir kenterten nie“, sagt er. Fünf Jahre, zehn Derbys, vier Siege, sechs Remis. Kein Torverdacht, keine Schuldfrage. „Ich habe keine Ahnung, wie man das erklärt. Vielleicht war es der Duft von San Siro an Ostern – oder die Angst der anderen, dass der Mythos zerbricht.“

Der Mythos trägt jetzt ein neues Gesicht: Yann Sommer. Der Schweizer kam im Sommer, kassierte früh vermeidbare Tore, wurde ausgepfiffen. Pagliuca zuckt mit den Schultern: „Er hat sich befreit. Ein Torhüter ist erst dann gut, wenn er weiß, dass der nächste Fehler kommt. Sommer weiß es.“

Chivus geheimnis: fußball, der nach jazz klingt

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Den Trainer will er nicht zum Sündenbock erheben. Cristian Chivu übernahm erst im Winter, als Simone Inzaghi zu Spanien abgestiegen war. Pagliuca: „Ich habe keine Minute gedacht, er bringt sofort den Titel. Aber er spielt ein anderes Lied: schneller, tiefer, mit mehr Improvisation.“

Die Statistik stimmt: Seit Chivus Amtsantritt holt Inter 2,5 Punkte pro Spiel, kreiert 1,8 xG mehr als der Gegner. „Das ist kein Zufall. Das ist ein Orchester, das gerade die richtige Tonlage gefunden hat.“

Und wenn Milan gewinnt? „Dann wird es eng, aber Inter bleibt Favorit. Die Qualität sitzt tiefer, nicht nur auf dem Papier.“

Hollywood statt trauer – so lebt ein sieg weiter

Hollywood statt trauer – so lebt ein sieg weiter

Pagliuca lacht, als er an die Nächte nach den Derbys denkt. „Wir sind nicht in die Kneipe, wir sind in den Hollywood – Römisches Déjà-vu. Drei Uhr morgens, Bühne voller Nerazzurri, niemand wollte nach Hause.“ Der Schlaf sei erst Tage später gekommen. „Adrenalin ist das beste Schlafmittel – wenn man gewinnt.“

Er selbst hat nie erfahren, wie es ist, mit leeren Händen aus San Siro zu gehen. „Keine Ahnung, wie sich das anfühlt. Und ich will es auch nicht wissen.“

Am Sonntag wird wieder getanzt – auf der Tribüne, in den Kneipen, vielleicht schon auf der Meisterparty. Die Uhr tickt. Der Mythos wartet. Und Pagliuca? Der schaut zu, mit dem Blick eines Mannes, der weiß: Manchmal reicht ein einziger Handstand, um Geschichte zu schreiben.