Odermatt nagelt sich selbst ans kreuz – nach gold-kugel folgt selbstzerfleischung

Er kam, sah und siegte – fast. Doch als Marco Odermatt am Sonntag im norwegischen Kvitfjell den Super-G beendete, war er 1,97 Sekunden hinter Dominik Paris und auf Platz 19 abgestürzt. Die Kristallkugel hatte er längst in der Tasche, das Gemüt war trotzdem im Keller. „Das war das schlechteste Rennen der letzten fünf, sechs Jahre“, sagte der Schweizer beim SRF-Mikrofon und schlug sich die Worte regelrecht ins Gesicht.

Perfektion als fluch

Odermatt ist kein Typ, der sich mit halben Sachen zufriedengibt. Wer ihn in der Saison 2025/26 beobachtete, sah eine Maschine, die nur eine Gangart kennt: Vollgas. 425 Punkte im Super-G, 78 Zähler Vorsprung auf Vincent Kriechmayr – statistisch ein Klassiker, emotional ein Kratzer. „Ich habe mich nicht als konstant bester Super-G-Fahrer gefühlt“, sagt er, obwohl die Zahlen das genau belegen. Die Logik des Champions: Wenn du nicht gewinnst, bist du erklärungsbedürftig – am besten vor dem eigenen Spiegel.

Die Vorzeichen waren mies. „Schon am Morgen habe ich gemerkt, die Spannung und die Lust waren nicht so richtig da“, gestand er. Kein Adrenalin, kein Flow, nur ein leerer Blick auf die Streckenposten. Was folgte, war ein Katastrophenlauf, der sich in Zeitlupe abspielte: zu spät in die Kurve, zu früh aus dem Rhythmus, zu viel Risiko, zu wenig Haftung. „Den Schlüssel habe ich nicht gefunden“, sagt er und klingt dabei, als hätte er die Wohnungstür verloren.

Die kugel schimmert, das herz blutet

Die kugel schimmert, das herz blutet

Die kleine Kristallkugel für die Super-G-Wertung bekam er trotzdem überreicht – dank Fehlern der Konkurrenz, nicht wegen eigener Brillanz. „Gemischte Gefühle“ nennt er das, und man spürt, wie sehr ihn das wurmt. Für einen Athleten, der sich selbst als „meilenweit weg“ bezeichnet, ist Trost ein Fremdwort. Der siebte Platz in der Abfahrt war ihm noch „solide“, der 19. im Super-G eine reine Demütigung. „Das ist kein cooler Abschluss“, sagt er und klingt, als hätte man ihm das Podest weggezogen, während er noch draufstand.

Nun droht das nächste Zittern. Im Riesenslalom führt Odermatt mit 495 Punkten, aber Lucas Pinheiro Braathen (447) und Loic Meillard (406) lauern. Das Finale am Dienstag (9.30 Uhr) wird zur Nagelprobe. Gold bei den Olympischen Spielen hat er diesmal nicht geholt – drei Medaillen, ja, aber keine ganz oben. Für ihn zählt nur der Sprung auf den obersten Treppchenstuf, alles andere ist Makulatur. Die Saison war großartig, doch der letzte Eindruck ist der, der bleibt. Und Odermatt wird alles daran setzen, dass dieser Eindruck kein 19. Platz ist.

Die Kugel glänzt im Regal, der Blick bleibt starr. Perfektion ist ein Fluch, der erst erlischt, wenn das letzte Tor steht.