Nordische natur gegen einsamkeit: forscher stoßen auf überraschenden effekt
Werden Sie einsam, suchen Sie Gesellschaft? Eine neue Studie aus Norwegen stellt diese Annahme auf den Kopf. Demnach kann der Kontakt zur Natur, und das auch allein, tatsächlich die Einsamkeit lindern – stärker als soziale Kontakte.

Die überraschende erkenntnis am mjøsa-see
Lange Zeit galt soziale Interaktion als der Schlüssel zur Bekämpfung von Einsamkeit. Gruppenaktivitäten, Kurse, sogar Dating-Apps versprechen, Menschen zusammenzubringen. Doch die Forschung zeigt oft enttäuschende Ergebnisse. Eine aktuelle Untersuchung, durchgeführt von Wissenschaftlern der Universität für Wissenschaft und Technologie sowie des University College in Oslo, liefert nun eine faszinierende alternative Perspektive. Die Studie konzentrierte sich auf rund 2.544 Personen, die in der Umgebung des Mjøsa-Sees, dem größten See Norwegens, leben – einer Region, die von dichten Wäldern, landwirtschaftlichen Flächen und kristallklarem Süßwasser geprägt ist.
Die Teilnehmer wurden gebeten, Auskunft über ihre Aktivitäten rund um den See zu geben: vom Angeln über Spaziergänge bis hin zum Schwimmen im Sommer und Winter. Dabei wurde besonders hervorgehoben, wie oft sie diese Aktivitäten alleine ausführten. Die Ergebnisse sind erstaunlich: Wer sich regelmäßig am Ufer aufhält, berichtete von einem stärkeren Gefühl der Verbundenheit mit der Natur und einer tieferen emotionalen Bindung zum Mjøsa. Und genau diese Faktoren korrelierten mit einem deutlich geringeren Gefühl der Einsamkeit.
Besonders wirksam: das stille Genießen Nicht jede Aktivität schien jedoch gleich gut zu wirken. Während sich körperliche Betätigung wie Joggen eher im hinteren Bereich der Skala befand, zeigten insbesondere das genüssliche Verweilen am Ufer, Spaziergänge am See und sogar das Gehen auf dem zugefrorenen See eine besonders starke Verbindung zur Natur und damit einhergehend eine Reduktion der Einsamkeit. Die Forscher vermuten, dass dies mit der intensiven Wahrnehmung und dem ästhetischen Genuss dieser Aktivitäten zusammenhängt – im Gegensatz zum abgelenkten Sporttreiben mit Kopfhörern.
Die Studie mahnt jedoch nicht zur Abgeschiedenheit. Die Autoren betonen, dass Einsamkeit ein ernstzunehmendes Problem darstellt und dass soziale Kontakte weiterhin wichtig sind. Es ist durchaus möglich, dass Menschen, die sich isoliert fühlen, die Natur als Kompensation für unerfüllte soziale Bedürfnisse aufsuchen. Dennoch deutet die Forschung darauf hin, dass eine stärkere Verbundenheit mit der Natur eines Ortes oft auch mit einer stärkeren Verbundenheit zu seinen Bewohnern einhergeht – ein möglicher erster Schritt zur Überwindung der Einsamkeit.
Angesichts der wachsenden Problematik – der “World Happiness Report” von 2023 besagt, dass bereits 19 Prozent der jungen Erwachsenen angeben, niemanden zum sozialen Halt zu haben (ein Anstieg von 39 Prozent seit 2006) – und der damit verbundenen gesundheitlichen Folgen, wie Depressionen, Demenz und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, ist diese Erkenntnis von besonderer Bedeutung. Die Natur als Therapie – eine überraschende und doch vielversprechende Perspektive.
