Nokian schickt reifen mit wegklappbaren stollen aufs eis
Wenn die Temperatur sinkt, kommen sie raus – bei Plusgraden verschwinden sie wieder im Profil: Nokians neuer Hakkapeliitta 01 bringt schaltbare Stollen in den Winterreifen-Alltag und sprengt, was seit 90 Jahren als unverrückbar galt.
Stahlspikes, die nur bei kälte zubeißen
Der finnische Hersteller, der 1934 den ersten Winterreifen erfand, ließ die Idee nicht los: Stollen, die sich bei Bedarf aus dem Gummi stoßen und im Tau wieder zurückziehen. Jetzt, nach mehr als zehn Jahren Labortests, kommt die Double-Action-Stud-Technologie in Serie. Ein temperaturgesteuerter Mechanik in der Lauffläche schiebt die Spikes bei minus fünf Grad oder kälter heraus, bei milderen Verhältnissen zieht sich das System zurück. Resultat: Spikes, wenn sie nötig sind; komplette Asphalt-Tauglichkeit, wenn nicht.
Die Zahlen, die Nokian nennt, klingen nach Ingenieurslatein, haben aber Hand und Fuß. Der Verschleiß der Straße sinkt um 30 Prozent gegenüber konventionellen Spikereifen, die Geräuschemission um 1 dB. Wer denkt, das sei wenig, hat noch nie eine Nachtfahrt über verschneite Landstraßen hinter sich. Dazu kommen laut Prüfstand 10 Prozent mehr Grip auf blankem Eis und immerhin 5 Prozent auf nasser Fahrbahn. Die Kraftstoffersparnis liegt laut Prüflabor bei 0,3 l/100 km – ein kleiner Schritt für den Fahrer, ein großer für die Flotten, die jeden Winter Hunderte Transporter durch Skandinavien schicken.
Winter 2026 startet die produktion in nokia
Der Clou steckt in der Mischung. Statt auf voll synthetischem Gummi setzen die Finnen auf natürliches Kautschuk, Bio-Harze und Rapsöl. Das senkt den Ölanteil und erhöht die Elastizität bei Tiefsttemperaturen. Gebaut wird im Stammwerk Nokia, wo schon die ersten Serienmasken für den Marktstart im Herbst 2026 laufen. Los geht es in Kanada, Norwegen und Schweden – Märkte, auf denen Winterreifen kein Lifestyle, sondern Überleben sind.
Die Logistik wird zur Zitterpartie. Wer heute bestellt, bekommt 2027 geliefert – die Nachfrage aus dem Taxi- und Rettungsdienstgewerbe ist laut Importeuren schon jetzt dreistellig. Dabei bleibt ein Risiko: Die Mechanik muss zwölf Jahre halten, ohne Wartung. Ein gebrochener Stollen im Profil wäre kein Schönheitsfehler, sondern ein Haftungsfall. Nokian verspricht deshalb ein Neukaufen statt Reparieren: Defekte Reifen werden eingeschickt, analysiert – und ersetzt.
Mit der Premiere verlässt der Winterreifen die Nische der Saisonware und wird zur smarten Komponente. Wenn das System hält, was der Windkanal verspricht, steht der nächste Schritt schon bereit: Speed-Index bis 270 km/h und eine SUV-Variante mit Traglasten über eine Tonne. Dann dürfte auch Mitteleuropa auf den Zug aufspringen – und mit jedem Kilometer ein bisschen weniger Streusalz auf die Straße kippen.
